Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 517 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen. Der Leuchter, Weltanschaung und Lebensgestaltung. Jahrbuch der Schule der Weisheit. Herausgegeben vom Grafen Hermann Keyserling. VI. Band. Otto Reichl Verlag, Darmstadt. 1925. Es ist nicht leicht, diesem Sammelband, der den Zyklus der Tagung 192 4 der Gesellschaft für freie Philosophie in Darmstadt und ihrer Grundstimmung verwandte freie Aufsätze enthält, in einer knappen Besprechung gerecht zu werden. Die Hervorhebung von Anerkennung und Ablehnung lassen nicht deutlich genug erkennen, wie das Jahrbuch als Ganzes zu bewerten ist. Deshalb sei eingangs hervorgehoben, daß hier fraglos eine bedeutende Kundgebung vorliegt. Der Grundton ist auf das Motiv: Werden und Vergehen, als Kennzeichen des Lebens gestimmt, sucht aber durch Auffindung des Sinnes und Sinnzusammenhanges bezw. -Verwirklichung über engen Naturalismus und Historismus hinauszugelangen zum Transzendenten. Durchaus religiös ist die Tendenz und die Einstellung des Buches, und schon dadurch wird es den Lesern dieser Zeitschrift von Wert sein. Dieser Band ist eine Absage an die atomisierende und mechanistische Wissenschaft als letztes Wort. Er läßt alte längst verschollen geglaubte Klänge der Religionen wieder lebendig werden und stimmt neue an. In diesem Sinn wirkt das Judentum, in B a e c k s schönem Beitrag, (hier die wertvollen Unterscheidungen zwischen Tatsache und Ereignis, Ursprung und Anfang), wirkt das Christentum, das in der Auf erstehungslehrc A r s e - n i e w eine Antwort auf die Sehnsucht der Menschen nach der Aufhebung der Vergänglichkeit gegeben hat, und wirkt schließlich der Buddhismus, dessen Predigt D a h 1 k e in „Samsara und Niswana" vorträgt. Alle überwinden, sinngebend, den Vergänglichkeitscharakter dieser Welt des Werdens und Vergehens. Der Wissenschaft im strengen Sinn der exakten methodischen Forschung, bleibt nur Driesch (organische Entwicklung) und in zweiter Linie R e i n k e (vom Sinn des Todes) nahe. Drieschs Beitrag ist für den Kenner seiner Arbeiten nichts Ueberraschendes. Er verharrt in der ruhigen Atmosphäre des Denkens, das nicht überreden und enthusiasmieren, sondern überzeugen will. Aber es verdient betont und gerühmt zu werden, wie er, dessen Aufsatz im ganzen nicht so recht in den Rahmen paßt, sich doch einzufügen versteht, indem er das anregende Gleichnis der Musik, das Keyserling auf das Leben anwendet, nutzbar macht. Ein Musikstück, sagt er, kann durch ein Grammophon wiedergegeben werden; das ist Maschinenleistung. Von einem Virtuosen vorgetragen, ist es geistige Verwirklichung eines festen Planes, als Schöpfung eines Komponisten ist es freie Tat. Sicherlich ist biologisches Leben geistig verwirklichte Musik; offen bleibt aber das Freiheitsproblem. Auf Keyserlings drei Beiträge sei mit Nachdruck verwiesen. Sowohl die Einleitung wie die „Geschichte als Tragödie" sind reich an Gedanken. Der Mensch muß, lehrt er, die Tragödie bejahen, denn in ihr bejaht er sein tiefstes Wesen; so gelangt er zu einer heroischen Auffassung, die allerdings bei vielen, auch beim Referenten, auf stärksten Widerspruch stoßen muß, weil sie das Ende des Humanitätsideals verkündet. Keyserling ist nicht frei von willkürlicher Konstruktion. Immer wieder, wie auch schon früher, kommt seine antidemokratische Gesinnung zum Durchbruch. Weniger diese als die apodiktische Art, den Gang der historischen Entwicklung vorauszusagen, erregt Anstoß. Im zusammenfassenden Schlußwort ist seine Auseinandersetzung mit Buddhas Lehre sehr lesenswert. 517