Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 504 (sequence 9)
- Language
- German
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Selma Stern Sorgen schwerster Art bedrängtes Wanderleben an der Seite des Geliebten zu führen, dessen Gattin sie später wurde. Sie war in ihrem Seelenleben keusch und zurückhaltend. Sie gestattete aber Schlegel die Veröffentlichung der „Lucinde", jenes berühmten und berüchtigten Romans, in dem er alle Einzelheiten ihrer heimlichen Liebesslunden einem sensationslüsternen Publikum offenbarte. Sie besaß eigene Begabung genug, Witz, Phantasie, sprudelnde Lebendigkeit, die Fähigkeit treffend zu charakterisieren wie ein ganz sicheres Formtalent, aber sie stellte alle ihre Gaben in den Dienst ihres Mannes, froh, seine Auslegerin, seine „Ergänzerin", sein Geselle sein zu dürfen. Sie stärkte den nur schwer und langsam Schaffenden und von nur wenigen Verstandenen durch ihr unerschütterliches Vertrauen. Sie schrieb, um für ihn Geld zu verdienen, Kritiken, Übersetzungen, sogar einen Roman. In ihrer Demut, die schon an Selbsterniedrigung grenzte, machte sie alle Wandlungen seines ewig wechselnden Geistes mit. Sie begeisterte sich durch ihn für die Weisheit der Inder und den Absolutismus, sie wurde für ihn protestantisch und mit ihm katholisch. Und wenn sie über die Disharmonie klagte, die mit ihr geboren wurde, so meinte sie vielleicht, daß ihr jener blumenhafte Duft fehlte, der ihre christliche Schwägerin Caroline so zauberisch umfloß. Daß sie immer bewußt und wach sein mußte, wo jene nur genoß und lebte. Daß sie jedes Glück mit ihrem Herzblut zu bezahlen hatte, während jene Not und Tod und Leid uud Sehnsucht noch umzugestalten wußte in Heiterkeit und in Freude. — in. Was diesen Frauen der Mendelssohnschen Epoche ihre große allgemeine Bedeutung gibt, ist der Einfluß, den sie auf das gesamte geistige Leben ihrer Zeil gewinnen. Mit ihnen begann „eine glänzende, ja bis auf den heutigen Tag die glänzendste Epoche der Berliner Gesellschaft", „Zeiten vollendeter Geselligkeit sind kaum häufiger gewesen als die der höchsten Kunstentwicklung. Denn es bedarf, damit sie auftreten, nicht nur der äußeren Bedingungen des Wohlslandes und der Ruhe, sondern jener freien Freude an der Individualität und ihren Äußerungen, welche die verschiedenen Stände in der Wertschätzung zusammenführt Denn die Vollendung der Geselligkeit beruht vor allem darauf, daß die Menschen einen starken Antrieb empfinden, ihre Person., ohne alle besonderen aus dem handelnden Leben entspringenden Absichten geltend zu 504