Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 461 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Erziehung Standpunkte des Konkordates steht, dem ist es nicht recht zu machen. Wer aber hindert die Eltern, ihren Kindern jede Art von kirchlichem Religionsunterricht geben zu lassen? Nur von den anderen Fächern soll die Kirche die Hände lassen. Ebenso wenn so viel von der Erziehung die Rede ist, wer hindert denn die Eltern, sie in der Weise ihren Kindern angedeihen zu lassen, die ihnen recht erscheint, — wenn sie es nur täten! Wir wollen den Staat als Erzieher durchaus nicht idealisieren. Wir wissen, wie viel Schattenseiten vorhanden und unvermeidlich sind: Zwang und Schema und was sonst noch erwähnt und nicht erwähnt worden ist Aber darum widersprechen wir auch, wenn im Gegensatz zu ihm der neue Träger der Bildungsarbeit über Gebühr idealisiert wird. Es ist immer dieselbe Sache: der neue, unbekannte Bürgermeister und Präsident ist immer viel besser als der gegenwärtige. Von diesem kennt man die Schattenseiten, an jenem sieht man zuerst lauter Licht, — bis er da ist Davon noch zum Schluß ein paar Worte. Wie die Kirche soll auch die neue Schulorganisation selbständig werden, unabhängig von diesem Staat Abgesehen davon, daß sie eine Anstalt ist, die mit nur einem Teil der Volksangehörigen rechnet und eine Seite des seelischen Lebens zu pflegen hat, die durchaus nicht pflichtmäßig gemacht werden kann — weiß man, wie es in der sog. freien Kirche zugeht? Wer hat die Macht in der Hand? Es sind die engen Geister, die über die Massen verfügen, die immer dem Gewohnten und dem Extrem am meisten zugetan sind. Durch ein wohl eingerichtetes Filtriersystem kommen deren Vertrauensmänner an die Leitung, und die ruhigeren und selbständigeren Geister haben keinen Einfluß. Das geschieht denen recht, könnte man sagen, warum bekümmern sie sich nicht um die Wahlen? Gewiß, der Vorwurf trifft zu. Aber es ist doch schade um die Sache! Würde es in der Schulkirche anders zugehen? Wenn es sich um Wahlen handelte, würde da nicht die irgendwie bunt angestrichene beschränkte Leidenschaft mit rücksichtsloser Agitation alle weniger selbständigen Geister in ihren Dienst zwingen? Würden wir dann die Parteirücksichten loswerden? Und wenn Riedel ein Bild von dem Reichstag bei seinen Verhandlungen über die Schulfrage entwirft, glaubt er, daß sich seine Schulgemeinde oder Schulsynode zahlreicher einfinden würde? Hat er noch nicht elend besuchte Elternabende erlebt und Elternbeiräte, die ihre Existenz vor allem auf dem Papier fristen? Kann man annehmen, daß der Hexensabbat der mannigfaltigen Meinungen aufhörte, wenn die Schule in die Hand einer 461 29*