Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das neue Denken
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 450 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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- IRI
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Franz Rosenzweig Geist und also verpflanzbar in andre Geister ist, steht er selber nicht anders als irgend ein andrer. Ja der andre wird es, schon und nur weil er ein andrer ist, immer wieder unternehmen dürfen, mit Kants kühnem Wort, das also garnicht so kühn ist, „Plato besser zu verstehen, als er sich selbst verstanden hat". Diese Hoffnung möchte ich keinem meiner Leser nehmen, Was der Autor selber zu sagen hat, wird, auch wenn er sich redliche Mühe gibt, es in Form eines Kommentars zu sagen, doch immer leicht in ergänzende Anmerkungen Übergehn. Die ohnehin, in dem, was sie in dem Buch unterstreichen und einklammern, abhängig sein werden von dem, was dem Autor an Echo zu Ohren gekommen ist Und die also auch nur an den heutigen Leser adressiert sind. Und selbst diesen werden sie grade in seiner Heutigkeit nicht zufriedenstellen. Denn was er verlangt; und schließlich auch verlangen darf, grade das wurde ihm nicht gegeben: die schlagworthafte Bezeichnung, unter der er das nun etwa über das neue Denken in Erfahrung Gebrachte auf dem Friedhof seiner Allgemeinbildung beisetzen konnte. Daß ich ihm dies Schlagwort nicht gegeben habe, war nicht böser Wille von mir, sondern ich weiß wirklich keins. Wohl wendet sich das Werk, an dem ich das neue Denken zu erläutern suchte, gegen einige Schlagworte mit einer besonderen, über die allgemeine Abneigung gegen alle Ismen hinausgehenden Gegnerschaft; aber soll ich deswegen das Buch auf die üblichen Gegenstücke jener Ismen festlegen lassen? kann ich es? Am ehesten würde ich mir noch die Bezeichnung als absoluter Empirismus gefallen lassen müssen; wenigstens würde sie das eigenartige Verhalten des neuen Denkens in allen drei Bezirken, der Vorwelt des Begriffs, der Welt der Wirklichkeit, der Überwelt der Wahrheit, decken; jenes Verhalten, das auch vom Himmlischen nichts zu wissen weiß, als was es erfahren hat, — dieses aber auch wirklich, mag schon Philosophie es als Wissen „jenseits" aller „möglichen" Erfahrung anschwärzen; und auch vom Irdischen nichts, was es nicht erfahren hat, — dieses aber auch ganz und gar nicht, mag schon Philosophie es als Wissen „vor" aller „möglichen" Erfahrung anpreisen. Solch Zutrauen auf die Erfahrung wäre wohl das Lehr- und Überlieferbare an dem neuen Denken, wenn es nicht, wie ich allerdings fürchte, grade selber schon Zeichen eines' erneuerten Denkens ist — und wenn das eben gegebene Schlagwort nicht selber eine von den Bemerkungen ist, die, grade weil sie vom Autor selbst stammen, dem Leser, wie sicher viele andre auf den vorstehenden Seiten, zum Teil nicht bloß leicht, sondern allzuleicht scheinen und teilweise auch 450