Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Article
- Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus
- Date
- 1925-10-01
- Page
- 405 (sequence 9)
- Language
- German
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Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus zu ihm auf, daß Jesus nicht zuerst von seiner Krankheit, von seiner Lähmung zu ihm sprach, sondern von der Vergebung seiner Sünden. So steht auch diesem Manne der Friede seines Gewissens, die Erleichterung seines vom Druck der Schuld beladenen Herzens allem voran, auch seiner Heilung: Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden Und tilge alle meine Schuld! Ein reines Herz schaffe mir mein Gott, Und senke wieder einen festen Geist in mich hinein! Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht Und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir! Laß mich die Freude, daß Du mir hilfst, erfahren, Mache mich stark durch den Geist freiwilligen Gehorsams! Wieder haben wir die Abwertung der eigenen Person unter dem alles überstrahlenden Eindruck der Wirklichkeit Gottes. Reinheit, Festigkeit des Herzens, der Geist freiwilligen Gehorsams — aus solchem Sichbeugen vor Gott aufblühend — was ist das anders als „Glaube"? Mit wie klarem Bewußtsein aber dieser Fromme des Alten Testaments sich damit von der „Gesetzlichkeit", von den „Werken" abwendet, das zeigt der Schluß seines Gebetes: Herr, tue meine Lippen auf, Mein Mund verkünde Deinen Ruhm, Denn an Schlachtopfern hast Du keinen Gefallen, Und wollte ich Dir Ganzopfer geben, Du möchtest sie nicht Opfer, wie Gott sie will, sind ein zerbrochener Geist, Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz, Das verachtest Du nicht, Gott! Man darf diese Worte getrost zu den edelsten Prägungen „protestantischer" Frömmigkeit rechnen. Ich breche hier ab. Aber die Reihe beredter Zeugnisse für eine übergesetzliche Frömmigkeit ließen sich noch viel weiter führen. Selbst der Ausdruck „Neues Testament", „Neuer Bund", gesprochen im klaren Gegensatz gegen die Religion des Gesetzes, stammt ja aus dem Alten Bunde, aus dem Propheten Jeremia. Vielleicht würde Adolf von Harnack dieser ganzen Betrachtung mit einem Wort aus seinem Wesen des Christentums entgegentreten. Er sagt da einmal, es sei nicht wesentlich, ob ein Gedanke, eine Empfindungsweise, wie wir sie 405