Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 390 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen seiner Grundlage zu den höheren Leistungen zu gelangen. Das mit solchem Ziel im Jahre 1919 errichtete „Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums" hat an geschichtlichen Arbeilen bisher von Dr. Fritz ßaer eine „Geschichte der Landjudenschaft des Herzogtums Cleve" und „Untersuchungen über Quellen und Komposition des SchebetJehuda", sowie das oben angezeigte Werk von Selma Stern vorgelegt, und mit ihnen in jeder Weise die Aufgabe erfüllt, die sein erster Leiter ihm gewiesen hatte. Wie einst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Arbeiten der „Historischen Kommission für Geschichte der Juden in Deutschland" als Leitstern das große Werk der Monumenta Germaniae historica voranleuchtele, so gaben für Selma Stern die von der Preußischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Acta Borussica das Vorbild ab. Sie und sicherlich auch das große Werk von A. F. Pribram, die als Publikation der „Historischen Kommission der »israelitischen Kultusgemeinde in Wien herausgegebenen „Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien. IÖ26—18^7 (1849)" (zwei Bände Wien und Leipzig 1918). Man muß rückhaltlos anerkennen, daß es Selma Stern gelungen ist, in jahrelanger, rastloser Arbeit aus mühseligem, entsagungsvollem Aktenstudium ein Werk zu schaffen, das sich seinen Vorbildern würdig an die Seite stellt, und als methodische Leistung seinerseits befruchtend auf die Wissenschaft des Judentums einwirken kann. Der Plan zu einer großen Aktenpublikalion, die auf breitester Grundlage das Verhältnis des Preußischen Staates zu den Juden von den Zeiten des Großen Kurfürsten bis zum Erlaß des Judenedikts von 1812 behandeln soll, geht auf Eugen Täubler zurück. Täublers wissenschaftliche Anschauungen haben, wie die Verfasserin dankbar anerkennt, stark auf die ihrigen eingewirkt, und so darf man, ohne das Verdienst Selma Sterns im geringsten schmälern zu wollen, ruhig behaupten, daß ihr Buch gewissermaßen als ein Vertreter der Täublerschen Schule in die Welt tritt. Worin liegt nun das Eigenartige dieser Schule-bildenden Anschauung? Es liegt auf methodischem Gebiete und postuliert ein Doppeltes. Einmal wird die so oft angetroffene Verquickung von Religions-, Gelehrten-, Wirtschafts- und politischer Geschichte prinzipiell abgelehnt und an ihre Stelle die reinliche Abgrenzung dieser verschiedenen Gebiete gegeneinander verlangt. Zum zweiten wird die Geschichte der Juden aus der Isolierung, in der sie gewöhnlich dargeboten wurde, herausgehoben und in eine den feinsten Verwurzelungen nachspürende innere Verbindung mit der allgemeinen Geschichte der Umwelt gebracht. Das vorliegende Werk nun hält scharf diese methodische Peinlichkeit durch: es holt das politische Moment in der Geschichte der preußischen Juden klar heraus und übt bei der Gegenüberstellung von Staat und Juden eine Selbstbeschränkung, die zur methodischen Herausarbeitung eben dieser Wechselbeziehung geboten scheint. Es verzichtet mit Bewußtsein darauf, neben einander die Wege zu verfolgen, die vom Staate, der Gesellschaft und den Ideen her, sich überschneidend und verfechtend, zur Emanzipation der preußischen Juden, also dem Endpunkt und Endergebnis dieser Publikationsreihe, hinführten und will allein dem ersten Weg nachgehn. Im Wesen des Quellenmaterials selbst aber liegt es, daß es nicht nur die rechtliche und politische Frage aufhellt, sondern auch Licht wirft auf die Ansiedlungs- Yerhältnisse, die Zu- und Abwanderung, die Bevölkerungsdichtgikeit, die Berufe der Juden, wie ihre Stellung zur Gesellschaft der Umwelt, und so auch für die Wirtschaftsgeschichte und die soziologische Forschung fruchtbar wird. Der bis jetzt vorliegende Teil der Arbeit behandelt in Darstellung und Quellenpublikalion die Zeit des Großen Kurfürsten und seines Nachfolgers, also einen verhältnismäßigen knappen Zeitraum. Aber dieser Zeitraum war grundlegend für den preußischen Staat und grundlegend für seine Judenpolitik. Erfüllt von dem Machtstreben seiner Zeit schuf sich der große Kurfürst im klugen Ausnützen aller politischen Gelegenheiten und Möglichkeiten, in zäher Anspannung und planmäßiger Vermehrung aller erreichbaren Kraftquellen, im Kampf der großen Mächte und im Ringen mit den Ständen seiner auseinandergerissenen Territorien den zentralistischen, starken Gesamtstaat. In das Werden dieses Einheitsstaates ist — wie Selma Stern in durchaus überzeugender Weise deutlich macht — das jüdische Bevölkerungselemcnt 390