Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Jüdisch-Deutsch und Jüdisch-Spanisch
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 378 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895455-2896073--00442-2896227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
F. Perles Das Jüdisch-Deutsche wurde schon im Mittelalter und wird bis auf den heutigen Tag nicht mit deutschen, sondern mit hebräischen Buchstaben gedruckt Die gleiche Erscheinung tritt uns auch beim Jüdisch-Spanischen entgegen. Die Erklärung dafür ist sehr einfach. Hebräisch lesen konnte eben jeder, auch der ungebildete Jude, da es religiöse Pflicht war, wenigstens so viel hebräisch zu lernen, um das Gebetbuch und den Pentateuch zu verstehen, und so bediente man sich aus Bequemlichkeitsgründen, auch wenn man die Landessprache schrieb, der hebräischen Schriftzeichen. Die Absicht, der Sprache damit einen spezifisch jüdischen Stempel aufzudrücken, war zuerst nicht vorhanden. Die Juden selbst bezeichneten ihre Sprache als teutsch und nannten die jüdischdeutsche Pentateuchübersetzung teutsch-chummesch, ja sie bildeten das Verbum verteutschen im Sinne von „übersetzen". Erst später unterschieden sie die Schriftsprache iwri-teutsch d. i. hebräisch-deutsch, und die Umgangssprache mamme-loschen d. i. Muttersprache oder prostjüdisch. Heute wird sie gewöhnlich kurzweg als „jiddisch" bezeichnet In dieser Sprache ist auch eine reiche über ein halbes Jahrtausend sich erstreckende Literatur erhalten, die kulturgeschichtlich von der größten Bedeutung ist Die ältesten erhaltenen Werke sind Übersetzungen aus dem Hebräischen. Schon im i4- Jahrhundert wurden Teile des Festgebetbuchs übersetzt, doch ist nichts davon erhalten. Der älteste sicher datierbare größere Text ist die 1^21 in Mantua geschriebene Übersetzung des Buches Josua, Richter.......und der Megillot, die heute in der Bibliothek in Parma liegt. Es folgten bald andere Übersetzungen und Bearbeitungen (zum Teil in Versen), und seit Erfindung der Buchdruckerkunst ist in Deutschland wie in Polen eine unübersehbare Reihe von Übersetzungen der einzelnen Teile der Bibelx) und des Gebelbuches erschienen. Diese Übersetzungen waren in erster Linie für Frauen und Mädchen bestimmt, die gewöhnlich nicht so viel hebräische Kenntnisse hatten, um das Original zu verstehen. Aus diesem Grunde bezeichnete man die Schriftsprache häufig als „Weiberdeutsch" oder auch „Techinnes-Deutsch" (von hebr. techinna Frauengebetbuch). Neben den Übersetzungen gab es auch freie Bearbeitungen, ja ganz selbständig verfaßte Erbauungsbücher, die in der warmen Sprache des Herzens, in naiver oft ungelenker Form zur Masse der Ungebildeten sprachen und ihnen eine höhere Welt erschlossen, indem sie die Schätze der rabbinischen Sittenlehre oder die schönen Sagen, Legenden und x) Vgl. darüber jetzt W. Staerk und A. L e i t zm a n n die jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen von den Anfängen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1923. 378