Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 3 (August 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-08-01
- Page
- 338 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Erziehung Von Otto Meiler Von katholischer Seite sind mir die nachfolgenden Ausführungen, zugegangen; einzelne Urteile mag man beanstanden, ihr Grundmotiv rührt an ein entscheidendes Kulturproblem, zu dem auch Vertreter des Judentums und des Protestantismus später sich äußern werden. D- H Kein Einsichtiger wird heute fordern, daß die Staatsschule zerschlagen werde und an ihre Stelle plötzlich freie Schulen der Gesellschaft treten sollen, wohl aber, daß wir uns mehr wie bisher auf die Grundsätze aller Erziehung besinnen und von dieser Klärung her die künftige Gestaltung unseres Schulwesens beeinflussen. Der moderne Staat kennt kein Lebensgebiet, das sich seinem Zugriff verschließen dürfte. Wo noch Leben in der Freiheit gesellschaftlicher Selbstbestimmung atmet und blüht, wo sich noch nicht der Frostreif seines Machtgebotes darauf gelegt hat, handelt es sich um freiwilligen Verzicht seitens des Staates oder um vorläufige Behinderung in der Ausübung seiner Macht, aber nicht um eine grundsätzliche Beschränkung. Ihm steht es nach seiner Auffassung ebenso zu, die gesamte Wirtschaft an sich zu reißen, wie er die zartesten Regungen des menschlichen Herzens sich dienstbar machen darf. Der moderne Staat rechnet es sich mit zu seinen größten Verdiensten an, das Schulwesen gseellschaftlicher Willkür entzogen und unter staatliche Obhut gebracht zu haben. Und wir haben uns so sehr an diesen Zustand gewöhnt, daß wir uns eine Entwicklung in anderer Weise gar nicht mehr vors teilen können. Wir liefern die Sechsjährigen dem Schuldienst aus, ohne daß — dank der unzweifelhaften Macht des Staates und unserer eigenen Wehrlosig- 338