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Der Morgen · 1925-08-01 · Heft 3 (August 1925) · p. 322

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 3 (August 1925)
Article
Gestalten der Spätantike
Date
1925-08-01
Page
322 (sequence 13)
Language
German
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Fritz Heinemann müßig, die Zahl der Spaltungen zu zahlen. Es ist ein Ende erreicht, das nicht zu überbieten ist An diese Grenze gelangt, schlage man die Blätter der Geschichte um ein halbes Jahrtausend zurück, versetze sich aus dem Zeitalter der Spätantike in das des Hellenismus, und lese nach Proklos Lucrez (96—55 v. Chr.), den Dichterphilosophen, den Anhänger des Epikur und Demokrit Zu Unrecht ist er als Materialist verrufen, er, der begeisterte poetische Künder der tiefen Verbundenheit von Mensch und All und der untrennbaren Einheit von Leib und Seele: in Wachstum und Sterben, in Teilung und Mehrung aneinander gekettet, sprießt Seele aus Leib; durchwaltet vom gleichen Spiel der Atome ist Anorganisches und Organisches, ist Mensch und All. Man berausche sich an dem Kraftgefühl der noch ungebrochenen Jugend I „Aber mich dünkt, die Welt ist noch jung und vor kurzem entstanden Und ihr Ursprung reicht nicht hinauf in ältere Zeiten. Darum verfeinern sich auch jetzt gar manche Gewerbe; Jetzt erst mehren sie sich; jetzt erst ward vieles im Schiffbau Neu, und der Orgelbau schuf jüngst die melodischen Töne. Endlich ward unser System der Natur erst kürzlich erfunden, Und ich selbst bin erst jetzt als allererster entstanden, Der es in heimischen Lauten gewagt hat, wiederzugeben."1) Hier jugendliche, gesunde, harmonische, unbekümmert auch über Sexuelles mit voller Offenheit redende Kraft, dort älter und älter werdende, sich selbst zerfleischende, zersetzende, zerschneidende, zerbrechende und nach dem Bruch eine neue Harmonie suchende Menschen. Wer fühlte nicht den Gestaltwechsel und die Einheitlichkeit des sie bezwingenden Schicksals?2) So läßt sich in der Tat ein die Spätantike durchziehender Spaltungsprozeß nachweisen, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert steigert, und die Geschichte der Philosophie als Geschichte des Menschen eröffnet uns einen tiefen Blick in das spätantike Bewußtsein. Durch bewußte Vereinfachung schieden sich deutlich folgende Typen von einander: 1. die ohne Introversion einfach Gespaltenen (Pseudo-Longin), Lucretius, De rerum natura. V, 33o (Obersetzung von H. Diels). 2) Es ist hierbei unwesentlich, ob sich früher ähnliche Erscheinungen aufzeigen lassen oder nicht. 322

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