Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 242 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen tionen spricht. Man will dem Leben näher kommen. Die Psychoanalyse hat uns die Bedeutung der individuellen Erlebnisse für den Aufbau der Einzelpersönlichkeit gezeigt, man ist zur Überzeugung gekommen, daß es grundsätzliche Unterschiede in der Struktur der Menschen gibt, die den verschiedenen Aufbau der ganzen Welt dieses Individuums bedingen. Daher wird das Studium dieser Typen und der Einzelmenschen zur notwendigen Bedingung einer Weiterforschung. Kurz, die Charakterologie ist der Ausdruck einer allgemein sich durchsetzenden pluralistischen Tendenz, die in der Psychologie auch in der sogenannten differentiellen Psychologie, in den verschiedenen Richtungen der Psychoanalyse und in der Adlerschen Individualpsychologie zum Ausdruck kommt. Von der letzteren zeigt Allers hier in einem schönen Aufsatz, daß es ihr im Unterschied zu Freud eigentümlich sei, von der ganzen unzerstückelten Einheit der Person auszugehen. — Irgendwie eine Zusammenfassung der Resultate der hier vorliegenden Untersuchungen zu geben, ist gänzlich unmöglich, weil alles noch im Fluß ist, selbst das Problem. Schon auf die Frage: bedeutet die Charakterologie Lehre von der Einzelseele oder vom Einzelmenschen? wird man hier vergeblich eine eindeutige Antwort suchen, und der beste Aufsatz des Buches, der von Pfänder über die Grundprobleme der Charakterologie, ist ehrlich genug zuzugeben, daß man heute nicht einmal volle Klarheit über den Gegenstand, die Aufgabe und die Methoden dieses Gebietes gewonnen habe. Pfänder selbst bestimmt ihre Aufgaben dahin: sie hat das Wesen, den Aufbau, die einzelnen Züge, die Arten und Modifikationen, die Entwicklung des menschlichen Charakters und sein Verhältnis zu seiner Ausgliederung, zu seiner Erweisung, zu seinem Ausdruck und zu seinem Abdruck in äußeren Leistungsprodukten systematisch-theoretisch zu erforschen. (Er „erweist" sich in der Eigenart des Lebens, „drückt sich aus" in Mienen, Gebärden, Sprache usw., „drückt sich ab" in Handschrift, Kulturprodukt usw.) Äußerst merkwürdig ist, wie Pfänder die phänomenologische Methode anwendet und m. E. diese Methode selbst die Resultate bestimmt, zu denen er gelangt. Er glaubt nämlich, kantischen und schopenhauerschen Unterscheidungen entsprechend, von dem uns zunächst gegebenen empirischen Charakter den wahren Charakter des Menschen, den Grundcharakter unterscheiden zu sollen. Denn im empirischen Charakter sei Unechtes, Vorübergehendes, Aufgepfropftes enthalten, all dieses wie alle Unvollkommenheiten, Zurückgebliebenheiten, Verkümmerungen, Verhärtungen, Verkrüppelungen, Auswucherungen, Schwächen, Abnormitäten, Krankhaftigkeiten gelte es auszuschalten und diese Unvollkommenheiten durch das Vollkommene zu ersetzen, genau wie die Botanik bei der Erforschung des Wesens einer Pflanze von den zufälligen Verkrüppelungen usw. absieht. Auf diese Weise käme man zu den individuellen Grundcharakteren und müsse dann noch in einem zweiten Schritt, der Generalisierung feststellen, ob der so gefundene Charakter auch eine echte Art von Charakter sei, d. h. man müsse zu den Arten und der Gattung des menschlichen Charakters überhaupt aufsteigen. — Es ergeben sich hier schwerwiegende, bis in die Fundamente hinabreichende Fragen, wie folgende: zugegeben, daß es aufgepfropfte, angenommene Züge, ja daß es völlige Umzentrierungen des Charakters, z. B. in den Neurosen, gibt, was berechtigt uns dazu, eine Wesenheit auszuscheiden, die „vollkommen" ist und als etwas Dauerndes und Konstantes hinter den Erscheinungen liegt? Diese durch nichts erwiesene Konstanz des Grundcharakters erscheint hier nur als eine Konsequenz der Anwendung der Methode und bringt nur die ihn letzlich zugrundeliegende platonische Metaphysik, für die die Seele in der Tat eine vollkommene, unveränderliche Wesenheit war, wieder zum Durchbruch. Lernt man aus dem ersten Teil der Pfänderschen Aufstellungen durch die Anreize zur kritischen Durchdringung der Probleme, die sie enthält, so vermittelt der Schlußteil, der den Mut hat, Charaktermerkmale zu konstatieren, die in der vorhandenen Psychologie nicht unterzubringen sind, positive Einblicke in individuelle Strukturen. Im Ganzen strömt der Band reiche Anregung aus, nur möchte man für die weiteren Bände eine schärfere Auswahl wünschen. Fritz Heinemann. 242