Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895454-2895911--00281-2896050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Besprechungen. Jahrbuch der Charakterologie. Herausgegeben von Emil Utitz. I. Jahrg. 1924. I. Bd. Pan Verlag Rolf Heise, Charlottenburg. 375 S. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß sich heute eine Disziplin meldet, die scheinbar zum erstenmal als Wissenschaft auftritt: die Charakterologie. Was bedeutet sie, was ist sie, ist sie wirklich neu? Neu ist sie nun keineswegs. Praktische Charakterforschung haben Epos und Drama, je realistischer sie waren, desto mehr, seit jeher getrieben. Aber der Dichter verhält sich konkret, anschaulich, intuitiv zu seinen Geschöpfen, etwas anderes ist die gedankenmäßige Fassung dieser Einsichten. Aber auch das hat schon die Antike vorgearbeitet. Wenn Piaton im „Staat" in großartigen Gemälden die möglichen Verfassungen und die entsprechenden Menschentypen erschaut, wenn Aristoteles mit scharfen Strichen die charakteristischen Unterschiede des Jünglings, des Mannes, des Greises zeichnet, wenn Theophrast, zum erstenmal den Namen Charakter auf den Menschen anwendend, mit starker motorischer Begabung und darum jede Charakteristik in Bewegung und Handlung auflösend, Typen wie den Schmeichler, den Schwätzer, den Eitlen, den Feigen in wenigen Sätzen skizziert (Skizzen, die bekanntlich La Bruyere zur Übersetzung und Fortführung reizten), so sind das charakterologische Studien. Aber dennoch unterscheiden sie sich grundsätzlich von den heutigen Forschungen: sie arbeiten intuitiv, sind mehr künstlerisch als wissenschaftlich fundiert, der einzelne Mensch in seiner individuellen Eigenart ist ihnen noch nicht Problem geworden, das Porträt in unserem Sinne ist ihneu unbekannt, sie sind eingestellt auf die typischen Verhaltungsweisen des Menschen in bestimmten Umgebungen und Situationen, mit der biologischen und psychologischen Forschung sind sie nicht verbunden, sondern laufen grundsätzlich ohne Verbindung neben ihr her. — Der Schopenhauerschüler Bahnsen hat das Verdienst, in seinen „Beiträgen zur Charakterologie" (Leipzig 1867) nicht nur den Ausdruck „Charakterologie" geprägt, sondern zum erstenmal versucht zu haben, sie auf wissenschaftliche Basis zu stellen. Sie hat nach ihm die Aufgabe der Analyse der Persönlichkeit und fällt mit bestimmten Abschnitten der sogenannten Psychologie zusammen. Er verbindet mit richtigen Grundeinsicbten, daß nicht zwei Menschen vorhanden sind, die einander völlig gleichen (einem im Grunde Leibnitzschen Satz) und daß es gewisse mehr oder minder feststehende Grundtypen gibt, leider einerseits die Schopenhauersche Metaphysik und andrerseits recht phantastisch gehaltene und wenig in die Tiefe gehenden Unterscheidungen, die sein Büch im einzelnen heute unbrauchbar machen. Diesen hier nur skizzierten Ansätzen der Vergangenheit gegenüber bedeutet die eiwa mit Nietzsche (auf dessen Bedeutung Klages hier in einem besonderen Aufsatz verweist) einsetzende moderne Forschung einen wesentlichen Fortschritt. Sie bemüht sich um eine wissenschaftliche und methodische Fundierung, die bald mehr biologisch, bald psychologisch, bald phänomenologisch ist, sie hebt bewußt die doppelte Buchführung zwischen ihr und gesehen bedeutet sie eine Verlebendigung der der Lehre von der Seele auf. Von hier aus Psychologie. Man ist nicht mehr zufrieden mit einer Seelenlehre, die uns nur mit der Seele überhaupt, ihren fiktiven Vermögen, mit den Associationsgesetzen, mit der Funktion des Gedächtnisses oder mit den Sinnesstörungen bekannt macht oder die gar die Existenz einer Seele überhaupt leugnend uns nur von psychischen Erscheinungen und Funk- 24t