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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 219

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
219 (sequence 11)
Language
German
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Shylock — Nathan — Judith fühl leben — und wir suchen ja gerade den Ausspruch einer Instanz, die höher ist als alles bloß Gedachte. Die Meinung, daß Lessing als solch ein Zeuge der höheren, der dichterischen Art überhaupt nicht in Betracht kommt, diese Meinung ist wohl heute langst verlassen. Jeder künstlerisch Fühlende muß wissen, daß der geniale Kritiker die stolze Bescheidenheit seiner Selbstkritik viel zu weit geführt hat, wenn er erklärte, er sei überhaupt kein Dichter und habe nur aus gründlichem ästhetischem Wissen heraus mit seinen Stücken etliche Beispiele bieten wollen. Das geistige Phänomen Lessing besteht vielmehr darin, daß eine relativ geringere, aber keineswegs unbeträchtliche künstlerische Kraft durch eine gewaltige kritische Begabung ebensosehr gefördert wie gehemmt, allmählich doch zu bedeutender Leistung emporwächst Ganz gewiß nicht als ein kritisches Musterbeispiel ist heute die „Minna von Barnhelm" das älteste wirklich lebendige Werk des deutschen Bühnenrepertoires! Vielmehr lebt dies Stück, weil es eine echte Dichtung von gewaltigem, noch längst nicht ausgeschöpftem seelischem Reichtum ist, weil es mit seiner klingenden! Ausdrucksmacht immer wieder die Seelen ergreift Wenn dieser Lessing nun die Summe seines Daseins in einem dramatischen Gedicht zieht, so ist kein Wissen um die theoretischen und polemischen Anlässe, die für die Entstehung dieses Werkes wirksam waren, imstande, die tiefere Tatsache wegzubeweisen, daß sich hier in reiner Gefühlskraft innerstes Leben wahrhaftig durchgestaltet hat „Introite, nam et heic Dii sunt!" Dies Motto gilt nicht nur für den Inhalt, sondern auch für die Form von „Nathan dem Weisen",—auch die Götter der Kunst, die Gefühle überwältigenden, sie, die nicht im logischen Gehalt, sondern in der rhythmischen Form der Worte wohnen, sind in diesem Werke zugegen. Kein Verstand kann eine so hinreißende Gestalt wie den Derwisch bilden, diesen „wilden, guten, edlen", in der taumelnden Pracht seiner wirbelnden Reden; aber auch die Gestalt des Nathan hat kein kühler Verstand erwählt und zur Verfechtung einer These auf seine Stelle gesetzt Auch dieser väterlich bewegte, leidgehärtete, humorvoll überschauende Weise ist ganz und gar ein einmal einziger und dadurch für immer gültiger Mensch, lebt durch die Zauberkraft seiner Worte in unserer Phantasie, ist keineswegs nur eine Formel für unseren Verstand. Und da ist es nun bedeutsam, daß hier der reinste Sprecher von Lessings Grundgefühl, der Mann, der die Vorherrschaft der innersten religiösen Kraft, des Göttlichen, des wahrhaft Gutmachenden im Menschen vor jeder dogmatischen Formulierung des Glaubens nicht nur verkünden, sondern tätig vor uns leben soll, daß dieser Nathan ein Jude ist 219

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