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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 155

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
Date
1925-06-01
Page
155 (sequence 8)
Language
German
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Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie Grundbesitz aufgeben mußten, wenn sie sich nicht taufen lassen wollten; und ebenso war ihnen das Handwerk von dem Augenblick an gesperrt, wo die Zunft sich entwickelte. Denn die Zunft ist weit mehr als nur gewerbliche Genossenschaft: sie ist auch Wehrkörper, und vor allem Kultgenossenschaft Alle ihre Versammlungen standen unter religiöser Weihe, und niemand, der nicht an den heiligen Prozessionen, Kirchgängen usw. teilnehmen konnte, konnte Mitglied der Zunft werden. Um diese Absonderung noch zu verstärken, kam hinzu das Wesen der Ghetti. Sie sind in ihrer Grundform, als Kolonien fremder Kaufleute, die unter eigenen Vorstehern und nach ihren eigenen Gesetzen leben, durchaus nicht etwa auf die Judenschaft beschränkt, sondern sie stellen ein überaus begehrtes Privilegium der Kaufmannschaften dar, durch das die Fürsten primitiver Staatswesen fremde Kaufleute zu sich herein zu locken bestrebt waren. Sie finden sich überall: die bekanntesten Fälle sind die Ansiedlungen deutscher Hanseaten im Stahlhof in London, in der Tyske Brügge in Bergen, im Fondaco dei Tedeschi in Venedig und an vielen anderen Stellen; wir finden sie aber ebenso als Conventus der römischen Bürger im ganzen Kreis der Mittelmeerkultur, der Chinesen und Malaien in der Inselwelt des pazifischen und stillen Ozeans und heute noch als Reservationen der europäischen Kaufleute in Hongkong und Shanghai Ein solches Privileg waren ursprünglich auch die jüdischen Ghetti, und erst späte Umschwünge gestalteten daraus die traurigen Käfige, als die wir sie kennen. Aber das Kennzeichen der Fremdheit heftete die Isolierung den Juden doch auf. Sie sind eine freiwillig abgesonderte Gruppe, und diese Scheidung wird dann, wenn Verkehr stattfindet, durch die strengen Speisegesetze noch verstärkt Man kann mit ihnen kein geselliges Kommerzium haben, und ebenso verbietet sich jedes Konnubium mit ihnen; und das verbittert, weil der Widerstand hier von jüdischer Seite mindestens mit derselben Kraft geleistet wird wie von christlicher. Wir wissen aus anderen Kulturkreisen, wie verhetzend gerade dieses Verhalten wirkt: „Wir selbst und unsere Speise sind ihnea unrein". Zu diesem religiösen kommt nun der nationale Gegensatz. Er kommt hier weniger durch die Sprache zum Bewußtsein, da wenigstens die männlichen Juden, die mit der Bevölkerung in Verkehr treten, überall die Landessprache sprechen: aber, namentlich in den Nordländern, fällt der vorwiegend brünette Typus des „homo mediterraneus" als Gegensatz auf. Ferner 153

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