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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 154

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
Date
1925-06-01
Page
154 (sequence 7)
Language
German
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Franz Oppenheimer politischen Mittels behandelt, ihn entrechtet and wirtschaftlich exploitiert Und diese Rechtfertigung vor dem eigenen Gewissen lautet bei allen Völkern aller Rassen in allen Zonen und allen Zeiten gleich: die Unterklasse ist frech, faul und tückisch, aufsässig und feig und gänzlich unfähig, sich selbst zu verwalten und zu regieren. Es ist immer die alte Fabel vom Wolf und dem Lamm: nur daß sie im Laufe der Zeit einen Schein von Berechtigung erlangt; denn in der Tat wird die unterworfene Klasse durch den Druck der Herrschaft allmählich selbst verschlechtert, leiblich und seelisch. Da in solchen Gesellschaften immer eine doppelte Moral herrschen muß, eine für die Oberen und eine für die Unteren, so gilt so recht keine von beiden; und außerdem wird die Unterklasse zu den Eigenschaften des Hasen, des Fuchses und der Schlange, die in die Ferse sticht, geradezu erzogen. „In einer unvollkommenen Gesellschaft kann man keine vollkommenen Menschen erwarten" sagt Spencer mit vollem Recht: nur in der vollen Freiheit und Selbstachtung kann der Mensch physisch und psychisch das Ebenbild Gottes werden. Das haben uns die stolzen Indianer Nordamerikas, namentlich die Irokesen der sieben Nationen bewiesen, die in einer sonst nie verwirklichten Demokratie lebten, die auch den Frauen das volle Bürgerrecht eingeräumt hatte. Ihre vornehme Haltung hat auf die einwandernden Weißen einen solchen Eindruck gemacht, daß noch heute jeder Amerikaner der obersten Klasse seinen Stammbaum in der einen Linie auf einen ihrer Häuptlinge zurückzuführen sucht, (während sie ihn auf der anderen Seite selbstverständlich an einen der Pilgerväter von der Mayflower anzuknüpfen bestrebt sind). Aber der Verdacht auch nur eines Tropfens von Negerblut bedeutet die gesellschaftliche Ächtung. Wenden wir diese allgemeinen Erfahrungen auf unser Sonderproblem an. Die Juden stehen zu den Völkern, unter denen sie leben, nicht bloß in einem dieser Gegensätze, von denen wir soeben gesprochen haben, sondern in allen dreien. Zuerst muß der religiöse Gegensatz genannt werden, weil er ihre soziale Stellung entscheidend beeinflußt hat Es ist bekannt, daß die Juden im ausgehenden Römerreich nicht nur Handwerker und Kleinhändler waren, sondern auch in der Oberklasse als große Feudalherren eine Rolle spielten. Es fanden sich unter ihnen bedeutende sogenannte Possessoren. Als aber die religiöse Bindung in den jungen germanischen Reichen eine sehr große Rolle zu spielen begann, da waren die Juden ebenso wohl als Grundbesitzer wie als Handwerker unmöglich geworden. Die Konzile verboten ihnen die Haltung christlicher Sklaven und Arbeiter, so daß sie notgedrungen ihren 152

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