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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 131

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
[Rezension]
Date
1925-04-01
Page
131 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen die gegenwärtige Lage der deutsch-jüdischen Jugend. Zwar ist in dem Heft nicht alles gleichwertig, sondern in dem bunten Garten, der uns erscheint, sind neben den blühenden Blumen und reifen Früchten auch allzurasch aufgeschossene Kräuter- Aber das Wertvollste neben den Einzelwerten ist das Gesamtbild, das daher auch eine, wenngleich subjektive, Kritik in Einzelheilen verträgt. Zu den ins Kraut geschossenen Pflanzen rechne ich einen Teil der Aufsätze über .Judentum" und „Religion". Es erweist sich auch hier wieder, daß nur der wirklich etwas über diese Gesamtbegriffe sagen darf und kann, der reif dazu ist, an Wissen und Durchdringung. Das kann man jedoch von den meisten Schreibern der genannten Aufsätze nicht behaupten; denn hier bleibt vieles auf der Oberfläche haften. Es genügt doch nicht, festzustellen, daß Judentum kein Problem, kein Programm und keine Religion sei und sich mit der Feststellung zufrieden zu geben, daß man Jude sei. Es ist auch nicht damit getan, das Judentum als soziologische Einheit und als Religion zu fassen, aber diese Religion als Schale ohne Kern zu bezeichnen und dieser Schale dann einen deutschen Inhalt einfüllen zu wollen. Auch eine aufklärende, begriffliche Zerlegung des Judentums hilft nicht weiter, zumal, wenn bei ihr vom Judentum nur eine verwaschene AIIerwelts-Elhik übrig bleibt. Und es bedeutet schließlich nur eine radikale, aber wenig begründete Behauptung, die heutigen Menschen des Westens kurzweg als religionslos zu bezeichnen und sich und sein Schicksal — nach altem Vorbild — selbst zum Gotte zu machen. Es wirkt daher wohltuend, daß eine Reihe von „Erwiderungen" diesen Radikalen mit dem gleichen Temperament, aber mit einer sich selbst begrenzenden Sachlichkeit entgegentreten. Hans Epstein weist auf die jüdischen Aufgaben hin, und Werner Bachmann betont mit Recht die Einheit des Judentums und weiß sich als Glied in der Kette der Geschlechter. Martin Guttmann2), in der Erkenntnis echter Religiosität, lauscht, eingeordnet in die Größe des Lebens, seinem; Rhythmus und spürt die Religiosität als Urkraft der Seele; nur, wie mir scheint, in falscher Einschränkung der Religiosität als emer, anderen Lebenskräften gleichwertigen, Lebenskraft. Gleichsam als Illustration zu der Gruppe, die vom .Judentum" spricht, dient ein Aufsatz von Ernst Loewenthal, der begeistert von Walter Raihenau ab von dem ersten jüdischen Propheten eigenartiger — wenn auch für uns als Juden nicht vorbildlicher — Prägung nach der Emanzipation spricht; ein kluges, aber auch sehr gewagtes Unternehmen, dem vielleicht doch der Trugschluß zu Grunde liegt, daß Rathenau, weil er ein bedeutender Mann und ein Jude war, deshalb auch ein bedeutender Jude gewesen sein müßte. Die zweite Aufsatzgruppe handelt spezieller vom „Gesetz" und der „Form". Auch hier bleibt noch manches im Unklaren, wenn man eine künstliche Scheidung zwischen Lehre und Offenbarung einer- und dem Gesetz andererseits durchzuführen sucht und erstere als absolute Begriffe, letzteres als Relalivum bezeichnet. Man wird dem jüdischen „Gesetz" in keiner Weise gerecht, wenn man es auf dieselbe Stufe wie „jedes andere" Gesetz stellt. Man kommt dann — wie ein Aufsatz es tut — konsequenterweise zu neuen Ritualformen, die der jeweiligen Stimmung entsprechen und heute so, morgen so aussehen, und die eine Seelenfeier mit dem Lied vom Schnitter Tod und ein Mysterienspiel im Gottesdienst gestatten können. Zu den wertvollsten Aufsätzen gehören neben den anderen, bereits bezeichneten, die, die ' den Inhalt der ersten zwanzig Seiten des Heftes bilden. Hier spürt man ernsthafte Arbeit, die aus der Fülle und -der Tat schöpft, und es ist charakteristisch, daß die Verfasser dieser Aufsätze sich nicht mit „dem" Judentum befassen, sondern in Bescheidenheit von jüdischem Tun erzählen oder jüdische Arbeit vorweisen. Julius Freund vertritt in einem Aufsatz über „Erziehung durch die Form" als Anhänger der Orthodoxie die erzieherische Kraft der Form; an anderer Stelle führt er an einem praktischen Beispiel in die Arbeitsweise jüdischer Religionslileratur ein. Eine originale und kraftvolle Leistung bedeutet Marlin Goldners Obersetzung aus dem Neujahrsgebet, die er seinem großen Lehrmeister Franz Rosenzweig widmet. Hier verknüpft sich die Kraft der Sprache und die Gefaßtheit des Rhythmus mit dem erhabenen '•) „Einige Gedanken über die Religion und die Menschen der Gegenwart." t31

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