Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 130 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen Von jüdischer Not. Zur Jugendbewegung „Kameraden" zweites Heft, September 1924. In den Kriegsjahren entstand eine Gruppe der jüdischen Jugendbewegung, die sich „Kameraden, deutsch-jüdischer Wanderbund" nennt. Die Geburtsstunde dieses Bundes gab ihm die ganze Problematik und Schwere der Zeit mit in die Wiege. Kampf ist das Merkmal dieser Jugendbewegung, wie kaum einer anderen, aber ein Kampf, der nicht nur in seinen Inhalten Besonderheiten hat. Nachdem der junge Bund sich als echte Jugendbewegung von den Organisationen der Alten losgesagt hatte, die diese aufblühende Knospe gerne in ihrem Parteigarten gepflegt hätten, kam die Auseinandersetzung mit der Problematik der deutschen Jugendbewegung. Dies Stadium war im Grunde bald überschritten, und es trat nun das eigentliche Problem des Bundes auf: die Stellung zu Deutschtum und Judentum. Viele erregte mündliche und schriftliche Wortgefechte über die Einstellung zu den beiden Problemkreisen, Absplitlerungen von solchen, denen der Buna einerseits zu jüdisch, andererseits zu deutsch war, kennzeichnen diese Jahre, in denen kaum eine einheitliche Richtung herrschte. Nur eine kleine Zahl von Zielsicheren fand ihren Weg, den sie, unberückt durch die andern, fortsetzte, teils verstreut im Bunde, teils vereint in einer engeren Gesinnungsgemeinschaft, dem sog. „Älteren- Bund.fc Diese Sicheren kamen dann schließlich zu dem, was nötig war: zum Lernen, das erst die Berechtigung zu ernsthafter Diskussion gibt. Man stieg zu den Quellen des Judentums hinab und erkannte die Macht der Religion, die man wohl aus der Jugendbewegung her in unbestimmten Gefühlen mitgebracht hatte, aber nunmehr erst in ernster Arbeit klar erfaßte. Als klarster Ausdruck dieser Richtunggebenden im Bunde stellt sich der Brief dar, den die Kameraden als Antwort auf einen leichtfertigen und oberflächlichen „Offenen Brief der zionistischen Blau-Weiß-Gruppen von Breslau (In der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" Nr. 4o, vom 21. November 192/I.) schrieben, und der weit über den Rahmen eines Zeitungsartikels hinaus Bedeutung hat. Es ergibt sich daraus zunächst eine scharfe Abgrenzung gegen die Zionistcn, die in der Hauptsache zunächst politische Arbeit wollen, während die „Kameraden" kulturelle Ziele verfolgen, eine schwerere und — wie sofort erhellt — problematischere Arbeit als die, die der Zionismus vorsieht. Durchdrungen von den Schwierigkeiten der geschichtlichen Lage des heutigen deutschen Judentums, sind sich die „Katneraden", wie sie es einmal ausdrückten, „ihres deutschen und jüdischen Schicksals bewußt." Daraus folgt als ihr Ziel: Erhaltung des Judentums im deutschen Volke. Jüdische Wirklichkeit ist ihnen ein geistig-seelischer Begriff, keine Volks- oder Rassenf rage. Als bewußte Juden wollen sie in der Geschichte stehen, indem sie die Diaspora nicht bloß negativ ab eine Verbannung, sondern als Ort und Aufgabe ihres Wirkens ansehen. So ergibt sich ihr Verhältnis zu den Zeitkulturen, in denen sie als bewußte, selbstsichere jüdische Menschen stehen. Deutschland ist ihre kulturelle Heimat, Palästina Hegt im Gesichtskreis, aber doch nur an der Peripherie. Als wirksamstes Mittel im Kampf gegen Antisemitismus wird die Selbstbesinnung auf die jüdischen Aufgaben und die „Reformation der Gesinnung" angesehen. Mit dieser neuen Gesinnung gehen sie — in aller Bescheidenheit — an die innerjüdischen Aufgaben, verliefen sich in die Quellen des jüdischen Geistes und Versuchen das Schwerste zu bewältigen: die Religion. Sie sind weder liberal noch orthodox im Sinne unserer Zeit, aber sie ringen um die religiöse Entscheidung, die diese Zeit fordert. Diese einleitenden Bemerkungen über die Bedeutung der Kameraden-Bewegung waren notwendig zur Rechtfertigung der folgenden Zeilen, die ein Heft der in zwangloser Folge erscheinenden Bundeszeitschrift der „Kameraden" besprechen wollen. Das Heft (vom September 1924,1) trägt den Sammeltitel „Von jüdischer Not" und wendet sich damit schon an einen größeren Kreis als die „Kameraden" selbst. Man kann dem Herausgeber, Hans Epstein, für das Heft danken, weil er mehr mit dem Heft gibt, als er — nach seiner Einleitung — geben will, nämlich nicht nur einen internen Aufruf an dia „Kameraden", sondern einen Ausdruck für 1) Zusammengestellt von der Ortsgruppe Frankfurt a. M., gedruckt bei Hermon A.-G., Frankfurt a. M.; 54 S. Das bereits in 2. Auflage erschienene Heft ist zum Preise von. 1.— Mk. zu beziehen durch Otto Loewenthal, Frankfurt a. M., Uhlandstr. 3q. 130