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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 125

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
[Rezension]
Date
1925-04-01
Page
125 (sequence 1)
Language
German
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Besprechungen. Franz Rosenzweig: Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi. Deutsch. Hymnen des Jehuda Halevi sind in die Gebetbücher der jüdischen Riten, besonders der orientalischen, aufgenommen. Daß Heine diesen Dichter liebte, erscheint vielleicht manchem als ein Anreiz, ihn kennen zu lernen, als ein Beweis für die individuelle Geistlebendigkeit dieses mittelalterlichen, spanischjüdischen Sängers, die auch über den Kreis der Synagoge hinaus wirkt. Die Sage weiß, daß Jehuda Halevi mit seinem Zionslied auf den Lippen, im Angesicht von Jerusalem von einem Araber erschlagen wurde. Exil, Sehnsucht, und Schicksal aus beiden! Diesem Dichter, der sich durch die Legende hindurch als groß erweist, ist nun durch Franz Rosenzweigs Übersetzung die deutsche Provinz im Bereich der Sprache erschlossen worden. (Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi. Deutsch. Konstanz. Oskar Wöhrle Verlag.) Wir spüren aus dieser Obersetzung zum ersten Mal, welch ein großer Jude und Dichter lebte, welche Lichtkraft hier im rhythmisch strömenden Wort gebunden wurde und ausstrahlen wird, solange menschliches Wort von der Beziehung zwischen Vergänglichem und Unvergänglichem kündet. Rosenzweig dient der fremden Stimme als ein Sprachrohr, er macht sie über Zeit und Raum vernehmlich. Philologie, hier der Dichtung nah verwandt, ist Dienst am Heiligtum des Lichtes in der Sprache. Sie ist, nach Th. Spira, die Kenntnis und das Bewußtsein der Sprachüberlieferung eines Volkes und der Völker. In ihrem eigentlichen Sinne ist sie Gedankenzeugung. Diesem Licht in der Sprache, das Erkenntnis der Lebenswirklichkeit heißt, dient die Obersetzung, die so streng und klar ist, daß sie nichts Stumpfes, Fragwürdiges übrigläßt. Uns erschließt sie den Adel des Sängers aus seiner Form. Aus diesen Gesängen, von denen viele dem Kirchenlied vergleichbar und doch ganz anders als das Kirchenlied sind, bestimmt, den Sinn und die Schönheit der gottesdienstlichen Bräuche zu erhöhen, neben den anderen, die das heimliche Gedenken, die schwermütige Festigkeit, das Unablässige der jüdischen Seele aussprechen, gibt Rosenzweig eine Auswahl. Sie ist nicht eine Art Anthologie oder Probensammlung, eher ein Gedichtwerk selber von der Rundung eines Danteschen Gesanges. Man kann diese Sammlung erweitern, sie wird sich im Wesen kaum ändern können. Im kastilischen Juden des Mittelalters erkennen wir den zeitlosen biblischen wieder, der immer in der Tiefe dieses Volkes wacht und wartet. Sein Mund singt die Erhebungen des auf den Unsichtbaren, Ewigen, Einzigen gerichteten Gemüts. Des Dichters innerer Kompaß weist nach Zion. Ihm ist die äußere Welt nicht Glück und Garten, sondern ein Gleichnis, das sich nie aufhebt. Sein Verhältnis zur äußeren Welt gelangt nie zur Unmittelbarkeit im Goetheschen Sinn. Es will nicht diese Unmittelbarkeit zur Welt. Die Welt dieses Dichters ist das Exil. Diese Welt der Fremde bestimmt die Gewalt seiner Dichtung, seines Anrufs, seiner Zuversicht, seiner Anbetung. Jüdisches Schicksal gibt dieser Sprache den Wohllaut, die lakonische Zartheit, den Widerglanz aus der übersinnlichen Wonne des Sabbats, der Bundesgewißheit. Der Christ versteht das Seufzen und den Jubel dieses Genius, dem Volk, Zion, Herr die großen Anreden semer Zwiegespräche sind. Er kann Stolz wie Demut von ihm lernen. Rosenzweig hat den hebräischen Strophen deutsche Entsprechungen gegeben. Ein kühnes Unterfangen. Nur nüchterne Meisterschaft am Wort, nur schöpferische Eingebung vermag hier den Weg zu finden. Um die sprachliche Leistung dieser Übersetzung deutlich zu machen, stehe ich nicht an, sie neben den größten der neueren Zeit zu nennen, mit Rückerts Ghaselen, mit Carl Eugen Neumanns Übertragung des Pali-Kanons. Es ist keine "Verwässerung. Es ist Sprache in ihrer ganzen Strenge und Herrlichkeit. Der Übersetzer gibt in einem Nachwort und in An- 125

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