Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Jüdische Höhlenbewohner in Tripoli
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 124 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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E. Brandenburg Jüdische Höhlenbewohner behörde und meist auch erster Richter war. Es hatte ungefähr den Umfang einer preußischen Provinz bei geringer Dichtigkeit der Bevölkerung.) So unterstand dem Kaimakan des Garian die ganze Bevölkerung des Gebirges, also auch die Juden aus Tegrina. Er gab mir wertvolle Aufschlüsse über seinen Bezirk; vor allem möchte ich hier wiederholen, was er mir über die seiner Verwaltung und Jurisdiction unterstellten Juden mitteilte: sie hätten für ihre Gemeindeangelegenheiten Selbst-Verwaltung und zahlten ihre Steuern, im Gegensatz zu den Arabern, pünktlich. Was nun die Justiz anbelangt, so schlichteten sie ihre kleinen Streitigkeiten vor einem Rat der ältesten und angesehensten Gemeindemitglieder selbst Seit mehr als 30 Jahren bekleide er nun sein Amt, aber während dieser langen Zeit wäre noch nie ein größerer Zivilgeschweige denn Straf-Prozeß vor sein Forum gekommen. Unter den Arabern, die ihm unterständen, wäre das leider anders, und Streitigkeiten, die einen handgreiflichen und oft sogar blutigen Abschluß fänden, durchaus nicht selten. Er schloß seine Ausführungen mit den Worten: Ich wünschte, alle wären so wie die Juden in meinem Bezirk, dann hätte ich sehr viel weniger zu tun! Gerade weil dieses Urteil von einem Mohamedaner gefällt wurde, der als solcher selbstverständlich innerlich davon überzeugt war, turmhoch über allen zu stehen, die nicht derselben Religion wie er selbst angehörte, war es für die Juden besonders anerkennend und wertvoll. Endlich möchte ich noch eine kleine eigne Beobachtung hinzufügen, die zwar unbedeutend zu sein scheint, aber doch jeden, der den Orient kennt, ziemlich überraschen dürfte: in Kassr-Garian und den andern von Mohamedanern bewohnten Orten wurde ich oft angebettelt, nicht nur von Kindern und Frauen, die gerade in diesem Punkt ihre sonstige Scheu und Zurückhaltung leicht vergessen; sondern auch von Männern, z. T. aus Habgier, ein nicht seltener Fehler des Arabers. In den jüdischen Orten bin ich niemals angebettelt worden, habe dort nicht einmal die sonst in den kleinsten Dörfern des Orients üblichen, berufsmäßigen Bettler gesehen. 124