Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Jüdische Höhlenbewohner in Tripoli
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 120 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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E- Brandenburg hatten, es wären ja keine Mohamedanerinnen, so sprach ich doch lieber mit den Männern, sagte ihnen offen, daß mir daran läge, als Vergleichsmaterial einige Häuser zu vermessen und bat um die Erlaubnis dazu. Da ich nun einmal diesen brutalen und höchst unsympathischen Tschausch erwähnt habe, möchte ich auch gleich noch von einer sehr peinlichen und widerwärtigen Episode berichten, die ich dort mit ihm erlebt habe; zugleich wirft sie auf den Charakter der Leute von Tegrina ein besseres Licht als lange Schilderungen. Nur möchte ich vorweg noch bemerken, daß ich meine Ansicht von der religiösen Toleranz der Türken absolut aufrecht erhalte, und daß man aus dem gegenteiligen Benehmen eines Einzelnen, des Tschausch, nicht Rückschlüsse auf alle machen darf. Man muß außerdem bedenken, daß unter den türkischen Gendarmen sich tüchtige und mutige Leute befanden, aber auch sehr viele verlorene Existenzen. Durch mein höfliches Bitten, mir die Häuser zu zeigen, statt mit Gewalt emzudringen, hatte ich einigermaßen das allgemeine Vertrauen gewonnen, und so wollte man mir auch gerne den schönsten Bau des Ortes, die neue Synagoge zeigen. Diese war vor nicht langer Zeit statt der alten, einem Gewirr von unterirdischen Räumen, in denen sich jetzt die Schule befand, errichtet worden. Und zwar so, daß der ungefähr quadratische Hauptraum auch unterirdisch gelegen war, ihn aber eine flache, in gewöhnlicher Bautechnik aufgeführte Kuppel mit Lichtöffnungen deckte, die scheinbar auf dem Erdboden ruhte. Dadurch wurde im Innern eine von oben kommende, durchaus stimmungsvolle Beleuchtung hervorgerufen, wie denn überhaupt dieser Raum einen durch die Proportionen guten und feierlichen Eindruck machte. Der Rabbiner, ein schöner, stattlicher Mann, mit einem sehr feinen, ernsten etwas an Herzl gemahnenden Kopf und langem schwarzen Vollbart, führte mich, zeigte und erklärte mir alles. Unglücklicherweise war aber der Tschausch mitgekommen, und schnüffelte und spürte in taktlosester Weise überall umher. Plötzlich zog er den Vorhang vom Thoraschrein und nahm eine Rolle heraus, um sie mir zu zeigen. Dieselbe steckte, wie üblich, in einer Hülle, und zwar war diese aus dünnem Leder, mit Gold- und Silberstickerei versehen, wie sie besonders in Marokko angefertigt wird, von alter feiner Ausführung und die Arabesken der Stickerei in vollendet schöner Zeichnung. Auf die Frage, wie ich diese Hülle fände, antwortete ich unglücklicherweise, eigentlich nur um dem Rabbiner, der dem ganzen schon mit großem Mißfallen zugesehen hatte, etwas Verbindliches zu sagen, daß sie sehr schön sei. Nun legte mir der Tschausch die Rolle mit der Hülle einfach in den Arm. 120