Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Heilig
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 70 (sequence 2)
- Language
- German
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F. Rosenzweig Das Wort heilig hat im Hebräischen ursprünglich die Bedeutung des Abgesonderten. Gottes Wirken ist einmal das leise, fast unhörbare des ersten Beginnens; da bleibt alles, zunächst, stehen wie es steht; die Schöpfung scheint so uralt, daß sie fast „ewig" sein könnte, und die Stimme des Gewissens so unbedingt, daß sie fast „autonom" heißen dürfte. Und da können wohl strenggläubige Kantianer auf den Gedanken kommen, es ändere eigentlich nichts, wenn man Gottes erste Urheberschaft für Sternenhimmel und Gewissen dem „religiösen Standpunkt" zugebe. Aber so billig wird dieser „Standpunkt" nicht betreten. Gott ist nicht bloß der, der war. Er ist nicht bloß Grund, tragender, der Welt und des Menschen; ja dies ist ein leerer Glaube, ein bloßes „Zugeben", wenn es der Erfahrung der lebendigen Gegenwart ermangelt, ja nicht gradezu aus ihr stammt. Ohne den Gott, der gewaltig wirkend in den Tag unsres gegenwärtigen Lebens eingreift, wird der Leise und Unhörbare, der die Welt und unser Herz, die er schuf, erhält, zum Märchen, schlimmer: zum Dogma. Es ist der Heilige, der sich selbst besondert und überall Besonderung, Unerhörtes, Erwählung, Heiligkeit setzt Ohne diese offenbaren Wunder des heutigen Tags wären die verborgenen Wundei jeden Tages unsichtbar, mindestens als Wunder unsichtbar. Erst die Offenbarung des Besonderen lehrt uns, auch im „Natürlichen" den Schöpfer zu ehren; erst die Schauer der Heiligkeit heiligen auch den Alltag des Profanen. Es ist also dem Wunder wesentlich, daß es in die lebendige Gegenwart der Heiligkeit, also in die Heiligung, eingezogen wird: „Auf! mit Heiligrufen . . .". Die Frage, weshalb denn „heut" keine Wunder mehr geschehen, wie sie „einst" geschehen seien, ist eine einfache Dummheit „Geschehen" sind Wunder überhaupt nie. Die Vergangenheit ist eine mörderische Atmosphäre für das Wunder. Die Bibel selbst erklärt das Schilfmeerwunder nachträglich „natürlich". Nachher läßt sich jedes Wunder erklären. Nicht weil das Wunder kein Wunder wäre, sondern weil das Erklären Erklären ist Das Wunder steht immer im Präsens und allenfalls im Futurum. Man kann es erbitten und erfahren; und solange die Gegenwart der Erfahrung vorhält, auch verdanken; ist diese Gegenwart aber erloschen, dann kann man es freilich nur noch erklären. Möglich ist jedes Wunder, auch das skurrilste, auch daß eine Axt schwimmt; wenn es geschehen ist, wird man auch um eine Erklärung nicht verlegen sein. Die einzige Bedingung für sein Eintreten ist, daß man es erbeten kann. Mit echtem, also dem Willen entzogenem Gebet natürlich, nicht mit dem absichtlichen Gebet der magischen Technik eines Medizinmanns oder einer amerikanischen Miß. Nur hierin gibt es so etwas wie einen Unterschied der Zeiten, 70