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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Glaube und Überzeugung
Date
1925-04-01
Page
55 (sequence 1)
Language
German
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Glaube und Ueberzeugung. Von Richard Koch. Mit dem, was man heute Wissen nennt, ist es ebensowenig möglich, am Judentum Anteil zu haben, wie an den beiden christlichen Bekenntnissen. In derselben Art, in der man von Dingen der Natur und ihrer regelmäßigen und vorausberechenbaren Verknüpfung weiß, kann man weder wissen, daß es einen einzigen Gott gibt, der die Welt geschaffen, noch daß er das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt, noch daß er zu Moses die Worte des Gesetzes gesprochen hat Nur scheinbar kann man im Judentum diese Schwierigkeit umgehen, indem man sagt, daß Glaube überhaupt nicht verlangt würde, sondern nur ein Befolgen der göttlichen Gebote, also ein Tun, ein Handeln. Ohne irgendeinen Glauben im Sinne der Umgangssprache wird niemand so handeln. Man spricht von Juden, die den Glauben der Väter noch besitzen, von anderen, die ihn verlassen haben. Die ihn besitzen, würden nie von dem Judentum als von einer reinen Tatreligion sprechen. Es ist ihnen selbstverständlich, daß es sich nur um ein gottgefälliges und von Gott befohlenes Tun handelt Das Wort von der Tatreligion ist eine Ausflucht derer, die den Glauben der Väter verloren haben. Den Glauben der Väter hat ein großer Teil der Juden verloren, von einem anderen großen Teil kann man mit Sicherheit sagen, daß er ihn verlieren wird, wenn er in den Besitz eines bestimmten Wissens gelangt und unter bestimmte Lebensumstande gerät Das Wissen, das hierzu notwendig ist, ist das europäische wissenschaftliche Wissen; die Lebensumstände bestehen in dem Aufhören der Abgeschlossenheit, in dem Zugänglichwerden der bürgerlichen Freiheit in einem weiteren Umfange als es die nur durch die Verfassung gewährte, nicht von der Umgebung zugebilligte Freiheit ist Ein Jude, der im Glauben der Väter aufgezogen ist, aber ohne daß die erzieherischen Einflüsse aufhören, noch im Knabenalter als Gleicher unter Gleichen mit nichtjüdischen Knaben aufwächst, mit ihnen spielt, Sport treibt, 55

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