Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
Date
1925-04-01
Page
34 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895738--00046-2895800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Viscount Bryce Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte? war natürlich und in gewissem Sinne lobenswert. Es ist erhebend für den Menschen, an die großen Taten seiner Ahnen erinnert zu werden. Aber das Studium der Vergangenheit wird gefährlich, wenn es die Menschen veranlaßt, vergangene Forderungen und alten Haß auf die Gegenwart zu übertragen. Ein weiser Freund sagte mir kürzlich, während wir die Verwicklungen im Südosten Europas besprachen: „Wieviel besser wäre es, wenn wir keine Geschichte hätten". Gelehrte und Schriftsteller, oft von der eignen Begeisterung berauscht, haben ihre Bücher nie zu einem schlimmeren Zweck geschrieben als zu dem, das Volk mit dem Dünkel seiner eigenen überragenden Fähigkeiten und Verdienste zu erfüllen. Diejenigen unter uns, deren Erinnerungen ein halbes Jahrhundert zurückreichen, haben bisweilen die Empfindung, als ob damals im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten die Glieder jeder Nation ein stärkeres Bewußtsein der Verpflichtung gegenüber der Menschheit und eine allgemeinere Sympathie mit den Bemühungen zurückgebliebener Völker um Freiheit und Fortschritt hatten. Man sagt uns oft, daß der Fortschritt der Demokratie die Völker friedlich beeinflußt Das mag sein, obwohl es einer längeren Erfahrung bedürfte, um es mit Bestimmtheit behaupten zu können. Aber bis jetzt hat die Demokratie die Nationen nicht weniger selbstsüchtig und eitel auf die eigne Größe gemacht Diese Verherrlichung nationaler Tugenden und Taten, über die ich mich verbreitet habe, mag zu anderen Zeiten ein harmloses Vergnügen gewesen sein. Aber sie kam zu einer Zeit stärksten Wettstreits, da die Staatsmänner die Rasseneitelkeit zu wecken versuchten, um sie für ihre aggressiven Pläne zu verwenden. Wir alle wissen, daß Eitelkeit im Individuum ein mächtiger Antrieb zu Taten werden und die Willenskraft steigern kann, während sie die Urteilsfähigkeit trübt So ist es auch mit den Nationen. Ihrer eigenen Überlegenheit bewußt, erwacht in ihnen der Wunsch, diese Überlegenheit mit Gewalt durchzusetzen unter Verachtung ihrer Nachbarn und in dem Wahn, eine Mission von der Vorsehung und dem Schicksal erhalten zu haben, wollen sie die übrige Welt gegen deren Willen vervollkommnen. So gut wir heute sehen, daß die Wissenschaft den Krieg grausiger und schauriger gestaltet hat, so müssen wir auch eingestehen, daß Bildung und Literatur einiges dazu beitrugen, die Nationen zum Krieg vorzubereiten. Gründlicheres Studium und tiefere Einsicht hätten die Gefahr abwenden können und hätten die Völker gelehrt, daß sie mindestens so viel durch Zusammenwirken als durch Konkurrenz und mehr durch Freundschaft als durch Haß gewinnen konnten. Aber der Mensch neigt manchmal dazu, das Schlechte zu wählen und das Gute zurückzuweisen. — 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.