Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 14)
- Language
- German
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f$56 Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. Einige Tage später begleitete er den Meister auf einer Reise nach Aurich. Man Slieb über Sonnabend. Für diesen Tag hat B. U. eine Predigt zugesagt. »Eine große Menschenmasse hat sich dazu ein gefunden. Alles ist neugierig. Indessen kreischen beim Beten alle, daß einem die Ohren gellen, und jeder ohrt etwas für sich; der sagt שבת תהילים — der andere liest רשי, ein dritter מעמדות. So geht es in unsern frommen Gemeinden zu. Woher kommt das alles? Von dem vielen unverständigen Beten, von den sinnlosen פיוטים. Und doch kannte man ihm בל הון דעלטא geben, ohne daß er einen 1אץ קוצץ) abschaffen würde״ Woher das? Aus angestammter Skrupolosität. Er wäre kapabel, das ס ׳ חסידים beim Herunterfallen zu küssen. Unterwegs trinkt er schwarten Kaffee, obgleich er so gut wie der 2פרי הדש) weiß, daß man hier auch unter Christen nur Kuhmilch braucht. Er bindet sich שבת das Taschentuch um den Leib, obgleich er wob! weiß, daß wir keinen 3רשות הרבים) haben und Tore in der Stadt sind. Bloß weil es im ש״ע steht, in diesem Pfuhl des jüdischen Schmutzes, der schon manchen Jüngling vom Judentum abgeführt hat4)... Die Predigt war gut, sie rührte alle Zuhörer. Das Judentum hat solch eine Fülle von Ideen und Poesie in sich, daß selbst die ungeschickteste Hand die Gemüter rühren kann. Er berührte Geschichte, aber nur allgemein, weil er das Detail nicht kennt, aber 1) Dieses kalirische Gedicht gehört zur Keroba des Sabbats vor Purim נש״פ .זבח und erscheint bei unbefangener Betrachtung als ein Meisterstück der Reimkunst. Für mitteleuropäische Ohren ist freilich die erste Strophe eine etwas starke Zumutung. Man findet das Stück mit Übersetzung in den von H. Arnheim herausgegebenen Jozeroth für alle Sabbate des Jahres. (Glogau und Leipzig. 1846),' S. gi ff. 2) Vgl. Chiskia da Silva zu Sch. a. Jore dea c. 115. ־ 3) S. Sch. a. orach Chajjim c. 303, 18. 345, 7, 346, 3. 4) Seiner grundsätzlichen Abneigung gegen den Sch. a. ist er bei aller sonstigen Würdigung der schriftstellerischen Leistungen Joseph Caros stets treu geblieben, vgl. Geschichte der Juden IX 3 (1891) S. 401 ff. Das hat ihn selbstverständlich nicht gehindert, die B.e- Stimmungen des Sch. a. als maßgebend für seine eigene religiöse Praxis anzusehen. .