Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Grenzfragen zwischen Philosophie und Geschichte
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 5)
- Language
- German
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112 Grenzfragen zwischen Philologie und Geschichte. rührungen mit Griechischem, genauer mit dem hellenistischen Idiom, wie nach dem Inhalte, insbesondere der darin vorherrschenden skeptischen Weltanschauung, die eine frühere Zeit nicht kennt, seiner Abfassungszeit nach tief unten im Kanon stehe, war auch dem hinter dem Wortsinn nichts weiter Suchenden klar, ohne daß man auch nur annähernd die Zeit hätte näher bestimmen können, der es seiner Abfassung nach angehörte. Allmählich jedoch dämmerte der Gedanke herauf, daß es mehr als allgemeine Klagen sind, von denen das Buch voll ist, daß vielmehr die politische Situation eines bestimmten Zeitalters hinter diesen Klagen stehe, die ermittelt werden müsse; damit war die Arbeit des philologischen Auslegers auf die Historie hingewiesen. Im Verfolg dieser Erkenntnis schrieb dann auch Bleek, das jüdische Volk müsse damals unter Königen gestanden haben, die (tyrannisch) zu mancher Klage Veranlassung gaben, und zwar nicht unter erblichen Königen aus der eigenen Nation, sondern unter fremden, im übrigen-es unbestimmt lassend, welcher von den geschichtlich bekannten Königen des Landes es gewesen. Es mußte erst der Geschichtsschreiber H. Graetz kommen, solches klarzulegen, der dann fast bis zur Evidenz nachwies, daß es kein anderer sei, auf den fort und fort in dem Buche angespielt werde, als der den Juden von den Römern aufgedrängte König Herodes, »der Römling«, der in dem Buche den wenig ehrenvollen Beinamen eines נער »Sklaven« habe, wie aus 10,16 hervorgeht-— womit der gesamte historische Hintergrund klar hervortrat und wie mit einem Schlage neues Licht über die dunklen Stellen des Buches gebreitet ward, zur Förderung philologischer Auslegung des Buches. Nun erst traten mit aller Prägnanz Stellen hervor, wie 10,16: »Wehe dir, Land, dessen König ein Sklave ist«, und »Heil dir, Land, ist dein König ein Freigeborener!«, und früher schon 8,3: »Gehe tyranniscbem Könige aus dem Wege, er tut, was ihm gefällt«. So wird nach all dem klar, daß ein Wechselverhältnis zwischen Philo־: logie und Geschichte besteht als zwischen Arbeitsgebieten, die auf Schritt und Tritt einander begegnen und sich gegenseitig zu erganzen;haben,: zur Bereicherung des Wissens, dem sie dienen.