Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuorientierung unserer Wissenschaft
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Neuorientierung unserer Wissenschaft. überwiegende Teil der für unsere Wissenschaft wichtigen Handschriften in den öffentlichen Bibliotheken der feindlichen Länder liegt, und daß möglicherweise die Beschränkung der Rohstoffausfuhr nach Deutschland auch auf die Wissenschaft ausgedehnt wird. Unabhängig von diesen ungewissen und unberechenbaren Einwirkungen des Krieges bleiben die Probleme, mit denen wir uns heute hier beschäftigen wollen. Sie waren bereits lange vor dem Kriege reif für die Besprechung und gelangten im mündlichen Gedankenaustausch der Eachmänner oft genug zur Erörterung. Wenn sie heute einem größeren Kreise vorgelegt werden, so bietet die Hundertjahrfeier des ersten wissenschaftlichen Auftretens von Leopold Zunz, das man als die Geburtsstunde der Wissenschaft des Judentums bezeichnen darf, den willkommenen und würdigen Anlaß. Denn nicht aus Undank gegen die Begründer unserer Wissenschaft sind unsere Gedanken hervorgegangen, wir sind uns ihrer unvergänglichen Verdienste und unserer tiefen Verpflichtung gegen sie wohl bewußt; als dankbare Erben wollen wir ihr Vermächtnis uns zu dauerndem Besitz erhalten, es daher auch in einer dem heutigen Stande der Wissenschaft angemessenen Form ausbauen. War die Wissenschaft des Judentums vor hundert Jahren eine Neuschöpfung, und worin bestand diese? Gelehrsamkeit hat es unter unsern Altvordern jederzeit gegeben, unser sicherstes und stolzestes Erbe aus der Vergangenheit ist das Streben nach Wissen, der Hang zur Forschung. Wir haben nie aufgehört, das Volk des Buches zu sein, kein Zeitalter entbehrte der Männer, die ihr Leben den Studien widmeten und eine geistige Energie entfalteten, der man nur Bewunderung zollen kann. Ich brauche hier die Bilder der alten Rabbiner, aber auch der jüdischen Kaufleute und Handwerker nicht vorzuführen, die, Nacht für Nacht über die Folianten gebeugt, allen weltlichen Sorgen entrückt, voller Entsagung, mit Bienenfleiß sich in die Gedanken des alten Schrifttums versenkten und in jahrzehntelanger Übung ein schier unglaubliches Wissen anhäuften. Man verweist uns häufig auf jene verehrungswürdigen Gestalten, mit deren heroischem Wissensdrang wir den Wetteifer nicht aufzunehmen vermögen, und stellt