Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 348 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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848 Heinrich Graetz. uni ihrer selbst willen zu betreiben, Von diesem Idealismus war Graetz in hohem Maße erfüllt. In jugendlichem Aller verließ er seine Vaterstadt Xions in der Provinz Posen, wo er eine trübselige Kindheit verlebt hatte, und begab sich auf die Wanderschaft, um in; Oldenburg Gymnasialkenntnisse zu erwerben und in Breslau die Universität zu besuchen. Dann fristete er sein Dasein in kümmerlichen Stellungen an verschiedenen Orten, zum Teil auch in Österreich, bis er endlich im Jahre 1854 an das damals in Breslau errichtete jüdischtheologische Seminar berufen wurde. In dieser nur mäßig besoldeten Stellung, welche dadurch nicht materiell verbessert wurde, daß ihn die preußische Regierung »ehrenhalber« zum Professor an der Universität ernannte, hat Graetz die »Geschichte der Juden«, die er schon vorher begonnen hatte, als sein eigen!- liches Lebenswerk, zugleich ein wirkliches Standard work, fortgeführt und vollendet. Um diese Leistung nach Verdienst zu würdigen, muß man bis an den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zurückgehen und sich einerseits den Standpunkt vergegenwärtigen, der bis dahin bei den christlichen Historikern für die Behandlung der Geschichte der Juden maßgebend gewesen war, wie andererseits die Bildungsverhältnisse, in welchen sich die damaligen Juden befanden. Die Juden besaßen, obgleich sie die älteste Geschichte haben, bis in das neunzehnte Jahrhundert eigentlich gar keine. Für die christliche Geschichtsschreibung kam nur das Volk Israel in Betracht, und jenseits der Grenzen der biblischen Berichte des Josephus und einiger griechischer und lateinischer Autoren, die von den Juden erzählten, gab es für sie keine jüdische Geschichte. Der große achtzehnhundertjährige Zeitraum der Diaspora, in welchem die Juden zwar zumeist gelitten, aber auch, wie man heute weiß, als Vermittler zwischen der Wissenschaft des Orients und Occidents und nach anderen Richtungen sich Verdienste errungen haben, fand keine, oder, wie bei dem Franzosen Basnage, eine kümmerliche, »teils«, um mit Graetz zu reden, »Mitleid, teils Verachtung« erweckende Darstellung. Denn die eben so umfang-