Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 337 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. 837■ des schwarzen Todes erbleichend und erbebend ansehen müssen1 mitgejagt in allen Verfolgungen, ein teilnehmender Zeuge aller Austreibungen, der aber auch aus den Katastrophen des Altertums, aus den Holzstößen des Mittelalters und aus den Blutbädern der Neuzeit, wie ■sie Bogdan Chmielnicki kosakischen Andenkens angerichtet hat, das Leben seines Volkes unzerstörbar gleich dem Phönix aus tausend Toden neu verjüngt hervorgehen sah. Er hatte aber auch mit Mose gedonnert, mit König David psalmodiert, mit Philo gegrübelt, mit Jehuda Ha-Levi geschwärmt, mit Spinoza sich ins All versenkt, mit Heine gegeißelt und unter Tränen gelacht, überall in der Verschiedenheit die Einheit in der Buntheit der Erscheinungen das geheimnisvoll wirkende große Gesetz erlauschend und erahnend«. Die Größe dieser Leistung vermag man nur zu würdigen, wenn man sich die Schwierigkeit der .jüdischen Geschichtsschreibung vor Augen hält. Wenn dem Universaihistoriker die Steine reden, die Inschriften aller Archive zu Gebote stehen, starrt dem jüdischen Geschichtsschreiber ein Gottesacker entgegen, auf dem die Gräber verfallen, die Denkmäler zusammengesunken, die Schriftzeichen verloschen sind. Jedes einzelne Bild muß erst mühsam zusammengesetzt, die Gruppierung geschaffen und der Zusammenhang erahnt werden. Auf unserer ruhelosen Wanderschaft hatten wir Juden keine Muße, wohlgeordnete Archive anzulegen und Quellenschriften aufzubewahren,, und von außen ist uns keine Staatshilfe dafür zuteil geworden. Wie man uns alle Gemeindeeinrichtungen für Gottes- Verehrung־ und jugendunterricht, für Not und Tod überließ, so auch die Schöpfung und Pflege unserer Wissenschaft. Der Forscher mußte in dem unermeßlichem Gebiet der ganzen Weltgeschichte den einzelnen zersprengten Spuren geschichtlicher Zeugnisse nachschürfen, weil die Überlieferungen der Umhergejagten immer lückenhafter geworden waren. Nur in dem eigenen Schrifttum erstanden tausend Zeugen unaustilgbaren Geisteslebens. Mit Recht sagt Kaufmann, die ganze Weltliteratur sei das Archiv der jüdischen Geschichte geworden. Darum müsse ihr Darsteller Kärrner und Baumeister, Bergmann und Goldschmied, Arbeiter Monatsschrift, 61. Jahrgang 23