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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1917-01-01 · Heft 4 · p. Seite 330

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
61 (1917)
Issue
Heft 4
Article
Heinrich Graetz
Date
1917-01-01
Page
Seite 330 (sequence 10)
Language
German
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330 Heinrich Graetz. orientalischer Sprachen, das er unter Bernstein1) betrieb, und die philosophischen Übungen, die der in jenen Tagen hoch ge« schätzte B ran iß2) abhielt. Ungleich größere Teilnahme aber erweckte ihm das damals in Breslau ganz besonders bewegte Leben in der jüdischen Gemeinde. Mit großer Erbitterung standen die Parteien einander gegenüber. Die Verehrer der ererbten Heiligtümer, die in dem Oberrabbiner Ti kt in ihren ehrwürdigen Führer erblickten, bekämpften aufs Heftigste die modernen Anschauungen, deren Fahnenträger der als Mann der Wissenschaft hochgefeierte Dr. Abraham Geiger war3). Die einen begriffen nicht, weshalb in der Neuzeit ein neuer Maßstab für die göttlichen Gesetze nötig sei. Die andern lehrten, daß es unmöglich sei, die Kette der gesamten Überlieferungen durch das moderne Leben mitzuschleppen, und daß man nur den wesentlichen Teil stützen und retten müsse, der vor dem Richterstuhl der geschichtlichen Kritik fraglos stand halten könne. Bei diesen Kämpfen konnte ein lebhafter Geist wie der des jungen Graetz nicht teilnahmlos und müßig bleiben. Über die hiesigen Vorgänge hielt er seinen Zarkower Landsmann, Dr. Julius Fürst4), der an der Leipziger Universität Hebräisch und Aramäisch lehrte und den »Orient«, ein vielgelesenes Wochenblatt, herausgab, auf dem Laufenden5). Seiner Natur nach allen Ausschreitungen nach rechts und links grundsätzlich abhold, ging er von der Überzeugung aus, daß die Umgestaltung des religiösen Lebens nur das eine Ziel haben dürfe, die Gegensätze zu versöhnen und einen für beide Teile ehrenvollen Frieden herbeizuführen. An dieser Grundanschauung, von deren Richtigkeit ף Vgl. ADB. ii, 485. 2) Vgl. ADB. XLVII, 184 ff. 3) Vgl. Graetz, Gesell, der Juden XU, S. 457ff. Bloch, a. a. O., S. 40 ff. S. auch L. Geigers Samnielband »Abraham Geiger. Leben und Lebenswerk, S. 78 ff. und meine Bemerkungen dazu in der Abhandlung »die schlesische Judenheit vor und nach dem Edikt von 1812«, S. 20 ff. 4) Vgl. Steinschneider, HB. XIII, 140. 5) Vgl. mein Verzeichnis von H. Graetzens Schriften und Abhandlungen Nr. 6.7. 11. 16. 17. 20. 22. 24. 26. 28. 29. 30—37. 4145 44־.

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