Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1917-01-01 · Heft 4 · p. Seite 325

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
61 (1917)
Issue
Heft 4
Article
Heinrich Graetz
Date
1917-01-01
Page
Seite 325 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2829132-2829881-2829886-2894262--42851-2894284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Heinrich Graefz. 025 gab es einen Bücherliebhaber am Orte, der ihm selbstlos alles darreichte, was er besaß und herbeischaffen konnte. Mit seinem für Freundschaft und Dankbarkeit ganz besonders empfänglichen Oemüte ist er dem Manne und seiner Familie sein Leben lang in treuer Hingebung anhänglich gewesen. So las er ohne Wahl allerlei geographische, mathematische, geschichtliche, mythologische, philosophische, theologische, atheistische und sch611 Wissenschaftliehe Bücher, wie sie ihm gerade in die Hände fielen: Campes Reisebeschreibungen, Bredows kurze Weltgeschichte, Ritter- und Räuberromane, Schriften von Goethe, Moses Mendelssohn und Wieland, und selbstverständlich die jüdischen Religionsphilosophen Maimimi und mit besonders schwärmerischer Begeisterung Juda Halevy. Daneben studierte er meist ohne jede Anleitung Meidingers französische, Bröders lateinische und Buttmanns griechische Grammatik und las in stetem Anschluß daran unverdrossen und, ohne sich von irgend welchen Schwierigkeiten abschrecken zu lassen, Fenelon, Rousseau, Eugen Sue, Voltaire, Cornelius Nepos, Cicero, Ovid, Terenz und Virgil, in Übersetzungen sogar Tasso, Camoens und Cervantes, und zwar alle Bücher, wie es sich für einen rechtschaffeiien Talmudjünger gebührt, von Anfang an bis zu Ende* und nicht ohne seinen Witz und Scharfsinn daran zu üben. Selbst schriftstellerisch betätigte er sich. Als dreizehnjähriger Knabe begann er ein hebräisches Büchlein über jüdische und christliche Zeitrechnung1), das er im fünfzehnten Lebensjahr vollendete. Später schrieb er eine hebräische Hymne auf den Frühling, lieferte zahlreiche Beiträge zu einer selbstverständlich nur handschriftlich verbreiteten Zeitung, der »Schnelläufer«, die ein junger Studiengenosse in deutscher Sprache herausgab, verfaßte französische Liebesbriefe und deutsche humoristische Ansprachen für das Purimfest und schrieb sogar für eine junge Freundin, die er für ein positives Judentum gewintien wollte, eine jüdische Geschichte. Alle diese Versuche נ) Er nannte es חשבון העתים und begann die Arbeit in Zerkow am Mittwoch (27. Elul 5590 —) 15. September 1830. Das Schriftchen ist in seinem Nachlaß aufgefunden worden, vgl. Bioch, S. A. a. a. O., S. 13, Anm. Ich habe es bisher nicht gesehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.