Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Latente dis legomena
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 348 (sequence 1)
- Language
- German
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Latente <%־ Aeyöjueva. Von Adolf Schwarz-Wien, Wer die Ökonomie des menschlichen Denkens im Allgemeinen und des wissenschaftlichen im Besonderen genau kennt, der weiß es von selbst, daß fast jeder zusammenhängende Gedanken- Komplex in die Form von Kettenschlüssen oder Schlußketten eingekleidet werden kann. Schon bei dem ersten Versuch einer solchen Einkleidung erfahren wir es zu unserer Verwunderung, daß eine ganze Reihe von Sätzen als Konklusionen aus Prämissen sich ergeben, über die wir gedanklich hinweggesprungen sind, oder, kurz ausgedrückt, daß unser Denken ein enthymematisches ist. Welche Rolle das Enthymem in der talmudischen Hermeneutik spielt, habe ich in meinem »hermeneutischen Syllogismus« und noch eingehender in meiner »hermeneutischen Induktion« zu zeigen gesucht. Es darf auch nicht überraschen, daß sich in der talmudischen Literatur sehr viele Enthymemata finden; denn diese Literatur hat weit mehr Schlüsse als andere Literaturen aufzuweisen. Neben den rein logischen gibt es da auch exegetische Analogie- und Induktionsschlüsse. Die exegetischen wieder gabeln sich in isorrhematische und juxtapositionelle. Freilich sollte man meinen, daß, wo es sich um Exegese, um die Auslegung der hl. Schrift handelt, von einem Hinwegspringen über den Text keine Rede sein könne; aber das Merkwürdige besteht eben darin, daß wir im ersten Augenblick gar nicht merken, etwas Exegetisches vor uns zu haben. Exegetische Analogieschlüsse können gewiß niemals andere als vollständige sein; nichtsdestoweniger erfahren wir es zuweilen erst nachträglich, daß diese oder jene Halachah oder Agadah auf einem Isorrhem oder einer Juxta- Position beruht. Die Erkenntnis des Enthymems ist zugleich auch