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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 3 · p. Seite 204

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 3
Article
Die Wiederherstellung der Kommentare Ibn Esras zu den Büchern Jeremias, Ezechiel, Sprüchen Salomos, Esra, Nehemia und Chronik
Date
1916-01-01
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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204־: Die Wiederherstellung der Kommentare Ihn Esras. 9■ Ibn Esra war keine einheitliche, in sich geschlossene Persönlichkeit. Zwiespältig und mit sich seihst nicht einig, schwankte er zwischen Frommgläubigkeit und schonungsloser Kritik und Freigeistigkeit hin und her; daher ist es unmöglich, einen Gesamteindruck aus seinen Schriften zu erzielen. Geistreich, von sprudelndem Witze und kritisch veranlagt, vereinigte er in sich ein außerordentliches Wissen auf allen Gebieten der Wissenschaft; doch gelang es ihm nicht, die Ergebnisse seiner Vorgänger zu erweitern und fortzuführen. Das, was in seinen Schriften geboten wird, ist zum großen Teile nicht neu. In den grammatischen Schriften trägt er die Lehren vor, die Ibn Chajjug, Ibn Ganach und Ibn Gikatilla begründet haben; das einzige Gebiet, auf dem er eine große Selbständigkeit zeigt, ist das der Bibelexegese. Hier war er durch seine kritische und auf philologischen Grundlagen beruhende Schriftauslegung bahnbrechend; besonders ist dabei der klassische und elegante Stil in seinen Kommentaren hervorzuheben. Doch vermochte er nicht seinen Kommentaren ein einheitliches Gepräge zu geben. Bei jeder Gelegenheit macht er Exkurse über Themata, die nicht notwendig zur Sache gehören; auch ist seine Exegese stark astrologisch-mathematisch gefärbt. Stellen, die dunkel sind, sucht er durch astrologisch-mystische Geheimnisse zu erklären, die er nur kurz andeutet, da ihm seine Zeitgenossen nicht reif genug scheinen, um sie zu verstehen. Die Anlage seiner Kommentare ist nicht gleichmäßig; hier weitläufig und abschweifend, dort wieder klar und sachlich; auch sind in ihnen keine bestimmten exegetischen Grundsätze zu bemerken; vielmehr sucht IE. sie der Gesinnung und dem Wissen seiner Gönner, für die er sie schrieb, anzupassen; ferner liegt seinen Werken nicht immer eine klare Disposition zugrunde. Diese Mängel lassen sich durch den Umstand erklären, daß er sie nicht aus innerer Schaffenslust verfaßte. Not und Elend zwangen ihn sie niederzuschreiben. Wenn er trotz all dem eine so große Bedeutung im Mittelalter gewann, so liegt es darin, daß

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