Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine spasshafte Prozessgeschichte mit ernstem Hintergrund
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Eine spaßhafte Prozeßgeschichte mit ernstem Hintergrund. das Geheimnis aller Komik, und davon liefert die vorliegende Schrift ein Beispiel. Es handelt sich nämlich um folgenden Sachverhalt. Der bekannte Theodor Fritsch in Leipzig, von Beruf Antisemit, nebenbei Schriftsteller und Verlagsbuchhändler, war dreimal, wie er selbst sagt (S. 1), vom Landgericht Leipzig »wegen Gotteslästerung und zwar wegen Beschimpfung des Gottes der Juden, Jahwe, bestraft worden« (S. 7). Darauf gab er ein Werk heraus, das den Titel führt, »Mein Beweismaterial gegen Jahwe«, worin die schrecklichsten Beschimpfungen gegen diesen vorgebracht wurden, und worüber das Landgericht Leipzig Gutachten von jüdischen und christlichen Gelehrten, unter den letzteren auch von Kittel, einforderte. Dieser lieferte zuletzt das vorliegende Obergutachten, »in Verfolg dessen«, wie Fritsch sagt, »die Anklage wegen des Jahwe-Buches nunmehr niedergeschlagen worden ist.« Was hat nun Kittel in diesem, wie das Gericht sagt, »klaren und überzeugenden Gutachten«, auf dessen »Boden die Strafkammer sich gestellt hat« (S. 2), behauptet? Das Gericht sagt: »Nach dem Gutachten Kittels ist aber der durch den Angeschuldigten gelästerte Gott Jahwe nicht der von der Judenschaft Deutschlands heute verehrte Gott, wenn auch einzelne, außerhalb der Gemeinheit stehende, geistig und religiös nicht reife Juden an ihn glauben—, sondern der vorprophetische Jahwe des alten Israels, aus dem sich namentlich durch die Propheten die den jetzigen Juden heilige Gottesverehrung, die Idee des ethischen und universellen, weltumspannenden Monotheismus entwickelt hat. Eine Lästerung Gottes in dieser Richtung liegt nicht vor« (S. 2). Die Meinung Kittels — daß sein Gutachten dem Gericht »klar und überzeugend« schien, soll nicht bestritten werden — ist also, auf die Formel der eingangs erwähnten Anekdote gebracht, die folgende. Der Mattersdorfer Judengott steht garnicht in Frage. Fritsch hat ihn nicht gelästert, also auch keine Gotteslästerung begangen. Gelästert wurde nun der Gott der Kobersdorfer Juden, das sind aber »außerhalb der Gemeinheit stehende, geistig und religiös nicht reife Juden«, die noch an den vorprophetischen Jahwe