Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Weltkrieg und das Rasseproblem
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Weltkrieg und das Rasseprablem. 68 keltische Unterlage und die spätere romanische Beimischung verändert worden ist. Aber wir hörten ja eben, daß die Deutschen auch keine reinen Oermanen sind. Wollen wir daher die Deutschen als Germanen — und das sind sie sicher 311 sprachlicher Hinsicht — festhalten, so dürfen wir auch den Engländern diese Eigenschaft nicht versagen. Daß sie ihnen aber jetzt abgestritten wird, ist ein Beweis für die äußerst schwankende Grundlage des Rassegedankens. Wirsehen, daß in dem Völker ringen die Rassefrage gar keine Rolle spielt Die echtesten Germanen, die Schweden, Norweger, Dänen und Holländer, stehen uns Deutschen zum mindesten recht kühl gegenüber. Die sprachlich gleichfalls als Germanen anzusehenden Vlamen in Belgien kämpfen auf Seiten unserer Gegner und sind uns, nach allen Berichten zu schließen, noch feindlicher gesinnt wie die romanischen Wallonen. Wieviel germanisches Blut steckt nicht in Frankreich, zumal im Norden und Nordosten! Vielleicht mehr noch als in Ost- und Süddeutschland. Wo bleibt nun die bindende Kraft des Germanenbluts? Nicht viel anders ist es auf dem Gebiet des Slaventums. Auch dieses ist politisch ganz zerrissen. Polen und Tschechen kämpfen auf unserer Seite, wie baltische Deutsche auf Seiten der Russen stehen und ihnen einen großen Teil ihrer Offiziere und Heerführer liefern. »Arische« Völker führen Japaner, Neger und türkische Volksstämme aus den Steppengebieten Asiens gegen ihre Rassenbrüder heran. »Arische« Inder treten uns unter englischen Fahnen mit der Kampfesart von wilden Raubtieren entgegen. Wo bleibt da das angebliche »arische« Blut, das alle Nachfahren der einstigen Indogermanen zusammenschmieden soll gegen andere Rassen? Wir sehen vielmehr, daß der Rassegedanke in unsern Tagen praktisch wenigstens zusammengebrochen ist, wenn auch manche Schwärmer theoretisch noch an ihm festhalten mögen. Aber es ist charakteristisch für die geringe Überzeugungsfestigkeit der Rassetheoretiker, daß in ihren Schriften, die nach dem Ausbruch des Krieges erschienen sind, ganz stillschweigend die Deutschen an die Stelle ihrer vorher hochgepriesenen Germanen getreten sind. Ich kann mir nicht denken, daß diese Unterschiebung so ganz