Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Hermann Cohens methodische Begründung des Judentums
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 14)
- Language
- German
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142 Hermann Cohens methodische Begründung des Judentums. Es wurde oben der Verdacht abgewehrt, als enthielte die jüdische Dogmatik, gleich der christlichen, eine Absonderung von der Sittenlehre. Die Zeremonialgesetze vermögen nicht eine solche Absonderung zu bewirken. Sie sind ein Zaun, und — ein Zaun ist kein Garten. Wir können es uns nicht versagen, die Worte Cohens über dieses Problem anzuführen, die die große Distanz zwischen diesem tiefsten Begründer des liberalen Judentums und den liberalen Vertretern der Assimilationstendenzen anzeigen. Er sagt: »Daher ist in unsern Tagen besonders erklärlich, daß man den Schutzwert wieder einsichtiger schätzen mag. Es muß leider zugestanden werden, daß wir die Reife der Zeiten überschätzt haben. Wir befinden uns leider nicht in den Vortagen des messianischen Zeitalters. Und so muß der Zaun mit weiser Diskretion noch weiter gepflegt werden. Und die Dankbarkeit zumal gegen ihn, die in den tiefsten Gefühlen der Pietät gegründet •st, kann niemals untergehen unter uns. Man glaubt, es sei ein enges, verengtes Dasein in dieser Welt des Zaunes. Aber wie haben die Jahrtausende dieses absonderlichen Innenlebens durch alle Qualen des Menschenhasses und durch alle Tröstungen des Gottesfriedens gelitten. Und wie haben sie eben dadurch den Horizont dieses Innenlebens geweitert, den sittlichen wie den geistigen. Nicht nur das poetische Gefühl fand darin seine Belebung, nach der es in aller Not und Angst des bürgerlichen Daseins das rührende Verlangen bewahrte: in der Gebetordnung und ihrer musikalischen Beseelung werden die ästhetischen Kräfte der Weltkultur aufgesogen. Wahrlich nicht allein die Poesie des geschichtlichen Judentums, sondern geradezu der geschichtliche Geist des Judentums wird diesen Zauber nicht brechen können, sondern nur seine endliche Lösung erharren.«