Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die russische Regierung und die westeuropäischen Juden
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 498 (sequence 17)
- Language
- German
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498 Die russische Regierung und die westeuropäischen Juden. amtlichem Siegel abgeschickt. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, warum Lilienthal in seiner finsteren Schilderung des moralischen Zustandes der Juden die Schuld den Juden selbst zuschiebt. »Tief sind unsere Brüder in diesem Lande durch eigene Schuld gefallen«. Zu jener Zeit wußte Lilienthal ganz genau, wie trostlos die rechtliche Lage der Juden in Rußland war. Besondere Beachtung verdienen die Stellen des Briefes, an denen Lilienthal Montefiore mitteilt, daß die Regierung die Besserung der politischen Lage der Juden im Auge habe. Dies traf keineswegs zu. Die rechtlose Lage der Juden wurde immer trostloser. Zur selben Zeit wandte sich Lilienthal im Aufträge Uwaroffs mit einem Einladungsschreiben an Cremieux. Auf den Vorschlag Lilienthals hin erging eine Einladung nach Rußland an Montefiore und Cremieux auch seitens einiger jüdischer Gemeinden. Montefiore gab eine sehr vorsichtige Antwort; er fühlte wohl, daß Lilienthal ihm nicht die volle Wahrheit sagte; er ersuchte letzteren, ihm näheres über den Plan der Arbeit mitteilen zu wollen, um daraus ersehen zu können, ob seine Mitwirkung an der Sache der Schulreform von Nutzen sein würde. Cremieux dagegen erklärte sich bereit zu kommen, wenn eine Einladung im Namen des Zaren erfolgen würde1). Diese Antworten machten auf das Ministerium einen ungünstigen Eindruck. Uwaroff wurde ein Bericht gemacht, in dem es unter anderem hieß: »Offenbar wollen Montefiore und Cremieux nicht begreifen, zu welchem Zwecke man mit ihnen in Verbindung getreten ist. Das Ministerium hatte nicht bloß die Absicht, in ihnen fruchtlose Teilnahme zu erwecken. Wenn sie keinen guten Willen bezeugen, so ist es freilich zwecklos, Beziehungen mit ihnen zu unterhalten.« Der Sinn dieser Zeilen ist unklar, aber es scheint, daß das Ministerium auf materielle Unterstützung seitens der fran- *) Diese beiden Briefe sind von mir in »Pere&itoje« B. I veröffentlich!.