Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die russische Regierung und die westeuropäischen Juden
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 493 (sequence 12)
- Language
- German
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Die russische Regierung und die westeuropäischen Juden. 493 an die diplomatischen Vertreter gerichteten Anfragebogen vermittels des Ministeriums des Auswärtigen (und nicht per Post, was zu jener Zeit sehr kostspielig war). Das Ministerium des Auswärtigen berichtete, daß die Pakete erst per Gelegenheit mit einem Kurier würden expediert werden; das Ministerium der Volksaufklärung gab sich damit zufrieden. Die Schulordnung harrte noch ihrer Bestätigung. Eine baldige Berufung war folglich so wie so nicht zu erwarten. Von 142 Personen, die den Wunsch geäußert hatten nach Rußland zu gehen, wurden 103 als soweit geeignet erklärt, daß man nähere Erkundigungen über sie einzuziehen gedachte. Über den Aufenthaltsort der Kandidaten geben uns folgende Angaben Aufklärung: Der Berliner Gesandte wurde über 20 Personen, der Münchner über 38, der Dresdner über 12, der Frankfurter über 16, der Wiener über 10, der Stuttgarter über 7 Personen angefragt. Die Gesandten be* zogen Auskunft nicht ohne Mitwirkung der Juden; so legte der Frankfurter Gesandte dem Vertreter des Ministeriums Angaben vor, die ihm Jost und der Oberrabbiner in Frankfurt a. M. mitgeteilt hatten; der Dresdner Gesandte benutzte die Dienste des bekannten Weimarer Oberrabbiners Heß. Auch der Berliner Gesandte ließ sich durch zwei Juden Auskunft erteilen1). In der Korrespondenz mit den Gesandten wurde die interessante Frage nach der Gesinnung der künftigen Lehrer und Rabbiner aufgerollt. Der Münchner Gesandte Severine machte darauf aufmerksam, daß im Königreich Bayern seit dem Jahre 1813 die neologische *) Der Rabbiner Hess unterbreitete durch die Vermittlung des Dresdner Gesandten ein Gesuch um die freie Einlassung nach Ruß• land seiner Zeitschrift »Der Israelit des 19. Jahrhunderts«. Aus diesem Anlasse erstattete Dukschinsky an Uwaroff folgenden Bericht: Die Zeitschrift vertritt die Ansichten der »neujüdischen« Schule und bekämpft den Rabbinismus. Da die russische Zensurordnung keine einzige Schrift ohne Kontrolle ins Land einläßt, so würde die Regierung durch eine Ausnahme für Hess ihre Absichten zu früh merken lassen«