Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Christliche Talmudforschung
- Date
- 1913-01-01
- Page
- 272 (sequence 1)
- Language
- German
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Christliche Talmudforschung. Von V. Aptowltzer. (Schluß). 5. »Bei geöffneter Tür, damit alle Welt es hören soll, wird dann in echt jüdischer Weise ein in alttestamentliche Worte (Ps. 69, 25, 79 b; Jer. 10, 25; Klagel. 3, 66) gekleideter Fluchpsalm über die Quäler Israels gesprochen«1). »Eine Religion, die derartigen Wünschen in ihren liturgischen Formeln Ausdruck gibt, ist jedenfalls keine Religion purer Liebe und Inbrunst, wofür manche jüdische Theologen den Glauben des Judentums gern ausgeben möchten«2). Daß manche jüdische Theologen das Judentum als Religion »purer Liebe« ausgeben, ist mir nicht bekannt. Es ist auch für eine Religion ein schlechtes Zeugnis, wenn man ihr nachsagt, sie bestehe aus pu rer Liebe. Denn eine Religion purer Liebe kann in Museen konserviert, aber nicht in praktisches Leben eingesetzt werden; sie kann gelehrt, aber nicht gelebt werden. Daher ist die Religion des Judentums, die in beispielloser Weise das Leben ihrer Bekenner durchdrang, nicht eine Religion purer Liebe, sondern die Religion der Liebe und Gerechtigkeit — der Gerechtigkeit auch gegen die menschliche Natur. Der menschlichen Natur aber entspricht es, daß unmenschliche Behandlung nicht mit überquellender Dankbarkeit und inbrünstiger Liebe quittiert wird. So ist es auch verständlich, daß die Juden über ihre Peiniger und Henker nicht den *) S. 82. s) A. a. O. Anm. 1.