Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 5 · p. Seite 621

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 5
Article
Die Juden in der Marienlegende
Date
1912-01-01
Page
Seite 621 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2829132-2829843-2829849-2891735--39921-2891863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Juden in der Marieniegende. 621 Die Marienlegende» die noch immer fortwirkt und sich selber weiter dichtet, ist ein organisches Erzeugnis der katholischen Kirche. In ihr wirken die Wunder von Lourdes noch heute so, wie im Mitteialter, das zwischen Geschichte und Legende überhaupt nicht zu unterscheiden mochte, die wundertätigen Marienbilder von Cambron und zur Buchen. Aber die mittelalterliche Kirche, die im Katholizismus fortbesteht, ist nicht mehr Alleinherrschern im europäischen Kulturkreis. Sie scheut es doch ein wenig, andersgläubiger Kritik zu begegnen. Sie ist vorsichtig geworden. Immerhin wirken in ihr noch immer die gleichen Kräfte wie vor tausend Jahren. ihre geschichtlichen Beziehungen zum Judentum und seine heutige Stellung zu ihm ergeben sich aus denselben Voraussetzungen, aus dem Bedürfnis der Kirche, ihre Wahrheiten an dem klassischen Volke der Ungläubigkeit bewiesen zu sehen. Dieser Standpunkt hat Gautier de Colncy das Wort prägen lassen, daß Maria dem Judenturne entsprossen ist, wie aus dem Dorne die Rose1). Daß die Juden nicht an Maria und ihren göttlichen Sohn glauben, gilt als Auflehnung gegen Gottes Regierung. So wirkt die kirchliche Vorstellung von den Juden, der Wunsch, sie bekehrt zu sehen und der Unwille über ihre hartnäckige Ablehnung des Gottessohnes und seiner jungfräulichen Mutter wie im Mittelalter, in freilich enger gewordenen Grenzen, neben politischen, wirtschaftlichen, rassepsychologischen und aus der Überlieferung stammenden Momenten auf die Gestaltuhg der Judengeschichte von außen, wie ihre Gegenbeziehungen von innen heraus zu ihrer Fortentwicklung beitragen. •) Qautier de Coincy a. a. O. Spalte 88 am Rande: »Sicuf spina rosatn genuit, Judea Mariam.<

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.