Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- 478 (sequence 1)
- Language
- German
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Sie Grundlagen einer ]Mischen Ethik. Von I. Scheftelowitz. (Schluß.) Wie sehr stach die jüdische Lehre von der Behänd- Jung der Feinde gegen die damalige morsche griechischrömische Kultur ab, in der Meuchelmord und Eidbruch gewöhnliche Erscheinungen waren1). Auch im Brahmanismus ist alles dem Feinde gegenüber erlaubt. Nicht einmal einen Eid brauchte man ihm gegenüber zu halten. *Auf einen Feind ist kein Verlaß, gelobt er Frieden eidlich auch; wie auch überliefert ist, wurde trotz des Eides Vrtra von Indra umgebracht. Ohne Vertrauen erliegt wahrlich sogar der Feind der Götter nicht; weil er vertraute, ward Ditis Sohn zerschmettert vom Götterherrn«2 *). Die Menschenliebe ist somit auf dem Boden des Judentums erwachsen. Die Behauptung Treitschkes8): »Man kann es nicht oft genug betonen, die Humanität ist eine christliche Idee, schlechterdings christlich«, steht in vollem Widerspruch zu den historischen Tatsachen. Nach der jüdische Lehre ist nur derjenige wahrhaft fromm, der gegen seinen Mitmenschen gerecht und barmherzig ist, seinen Feinden gegenüber sich stets edel erweist und das ihm zugefügte Leid geduldig erträgt: »Der Mensch sei klug in der Gottesfurcht, seine Sprache sei milde, er unterdrücke seinen Groll, halte Frieden mit Brüdern, Verwandten, mit der ganzen Welt, selbst mit *) Plato Republ. 3, 389 b erlaubt die Lüge, wenn sie gegen Feinde gerichtet ist. 2) Pangat antra II, 39—40, vgl. auch I, 130! u. Visnu Puräna 76, s) L. v. Treitschke in Politik II, 31.