Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1912-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechung. Ungnad Arthur und Oreßmann Hugo, *Das Gilgameschepßft, übersetzt und erklärt,« in den Forschungen zur Religion und Literatur des A. u. N. Testaments, Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht 1911* Im Anschluß an Jensens grundlegende Untersuchung bieten Ungnad und Greßmann, Gelehrte, die auf dem Felde der Assyriologie und der von ihr ausgehenden objektiven, nicht *panbabylonistischen« Auslegung des Alten Testaments bewährt sind, Übersetzung und Deutung des Giigameschepos, nachdem sie in ihren1) »Altoriental. Texten« bereits Proben dargebracht haben. Ungnad übernahm wie in den Texten die ebenso poetisch flüssige wie philologisch tüchtige Übersetzung in jenen rhythmischen Langzeilenstrophen und dem Parallelismus membrorum, die dem epischen Stile der assyrischen Poesie so eigentümlich sind, Greßmann die, Prüfung der mythischen Motive und Rekonstruktion der stellenweise leider arg zertrümmerten Ruine mit rühmenswerter Vorsicht, die nie zu viel behauptet und sich in den Grenzen des wissenschaftlich wirklich Gesicherten hält. Gerade gegenüber den weit ausholenden »panbaby- Ionischen« und astralmythischen Tiäumen unserer Tage und der Versuchung, die seit Görres die mythologischen Forscher gar zu gern vom sicheren Boden weg ins romantische Land lockt, ist Greßmanns bescheidene, positive Methode umso freudiger zu begrüßen. Nun, wo der Plan der ganzen Anlage offen vor uns liegt, müßte ein moderner Dichter, der historischen Sinn besitzt, das alte Gilgameschlieä, das voll der wiiden, titanischen Klage ob irdischer Vergänglichkeit an den Toren der Hölle rüttelt, noch einmal singen, daß es in unserer Zeit Wurzel faßte und das verlorene Gefühl wiederum wachriefe für elementare Dichterkraft und Hoheit. Riesenhaft düster ist dieses Epos, wie Babylons Geist, der aus seiner ehernen Eroberungspolitik, phantastisch bedrückenden Plastik und trotzigen Baukunst spricht, brutal, männisch, streng, mit wenigen zarteren oder milderen Farben, aller eigentlichen Anmut bar, dafür aber von fortreißender Natur- Wahrheit und Leidenschaft. Ein schwerer, tiefsinniger Ernst schattet über dem Ganzen, der alle Heiterkeit erstickt, wo sie gelegentlich aufblühen möchte, und sie wie in der Fehde der Helden mit Istar und dem Himmelsstier sogleich zu wildem blasphemischem Hohne und grinsender Grimasse entstellt, der natürliche Ernst jeglicher Volksepik, die dem tröstlichen Glauben an Unsterblichkeit mißtraut; l) Greßmann, Ranke, Ungnad, Altorient. Texte und Bilder z. A. T. 1909 I, 40—65, von mir fernerhin als »Texte« zitiert.