Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 18)
- Language
- German
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198 Die Ethik R. Saadjas. lung1), ja selbst diejenigen, die noch nicht in die Erscheinung getreten sind, wenn sie nur fertig in unserem Willen liegen*). Von wie hervorragender Bedeutung gerade die Gesinnung des Menschen für sein sittliches Handeln ist, das zeigt am schärfsten die Institution der Buße und Reue, die in der Tugendlehre Saadjas eine bedeutende Rolle spielen. Überblicken wir noch einmal das Verhältnis von Religion und Ethik, so müssen wir behaupten, daß Saadja mit vollem Bewußtsein beide von einander zu trennen sucht, daß dieser Versuch ihm aber doch nicht gänzlich gelungen ist. Die Trennung konnte ihm auch deshalb nicht gelingen, weil er seine Religion und die Formen, in denen sie verkörpert war, nicht anders zu rechtfertigen und zu retten wußte, als indem er sie unter die Obhut der Moral stellte. Er hat dadurch ein Gemisch von Religion und Ethik erhalten, die wir die theologische oder die Offenbarungsethik genannt haben, und die uns hauptsächlich im dritten bis neunten Abschnitt seines Werkes entgegentritt. Im zehnten Abschnitt hat er dann eine rein philosophische und von aller Religion unabhängige Ethik geliefert3), die sich in jeder Beziehung von seiner theologischen Ethik unterscheidet. Beide stimmen nur darin überein, daß sie die Quellen des sittlichen Lebens in den Kräften der menschlichen Seele suchen, aber auch da zeigt sich sogleich die Verschiedenheit beider, indem die theologische Ethik die Willenskraft betont, während die philosophische die Willenskraft völlig außer Acht läßt und dafür die drei Seelenkräfte der platonischen Psychologie ihren Forderungen zu Grunde legt. *) Emunot V, S. 85; Saadja hebt dort besonders hervor, daß Gott sich alles merke, ohne es aufzuschreiben. s) Das. V, S. 93. s) Wahrscheinlich hat er sie erst viel später verfaßt, vgl. Laudauers Textausgabe, Einleitung, S. 20. (Fortsetzung folgt.)