Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die neuen Papyrusfunde in Elephantine
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 665 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829835-2829842-2891126--39133-2891176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die neuen Papyrusfunde in Elephantine. 665 sekundären Gottheiten, denen sie vielleicht nur den Charakter von höheren intelligiblen Substanzen verliehen haben, keine uneingeschränktere Gewalt, als die Kabbala dem Metatron, zuerkannt. Und wer wollte wagen, die Kabbalisten nicht für Monotheisten zu haltenl Wenn der orientalische und osteuropäische Jude, im Notfälle die Zauberin aufsucht, ohne sich um die diesbezüglichen biblischen Verbote zu kümmern, warum sollte nicht Saul, der, der biblisehen Vorschrift gemäß, die Totenbeschwörerinnen und Zauberinnen ausrotten ließ, in der Not die Hexe von En־dor aufgesucht haben, und warum sollen ferner die »in Elend und Hunger vergehenden« jüdischen Frauen in Oberägypten nicht der »Königin des Himmels« geräuchert haben? Wenn wir einerseits berücksichtigen, daß Jeremias den Polytheismus der Eltern und Großeltern unserer Kolonisten, sowohl seinem Charakter wie seinen Motiven nach, dem ihrer palästinensischen Vorfahren gleichstellt (Jerem. 44, 3. 8. f 15—21), und andererseits bedenken, daß diese Juden, welche Jeremias schon am Beginne des 6. vorehr. Jahrh. vorgefunden hat, und die die exilische Läuterung nicht erfahren haben, für uns das vorexilische Israel repräsentieren und uns eine klare Illustration biblischer Polytheisten bieten, so müssen wir, ohne uns zu schämen, eingestehen, daß das religiöse Niveau jener Polytheisten von uns ungerechterweise viel zu tief eingeschätzt worden ist. Wahrlich, eine so grelle Beleuchtung biblischer Verhäitnisse durch zeitgenössische Urkunden übertrifft alle unsere Erwartungen. Mögen daher unserer Religionswissenschaft noch viele solcher Funde vergönnt sein. Und mögen auch unsere tonangebenden Religionshistoriker endlich anfangen umzulernen und ehrlich zuzugestehen, daß die traditionelle Auffassung der altisraelitisehen Religionsgeschichte voll und ganz gerechtfertigt ist. *k