Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Wortführer des Judentums in den ältesten Kontroversen zwischen Juden und Christen
- Date
- 1911-01-01
- Page
- 555 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Wortföhrer des Judentums in den ältesten Kontroversen zwischen Juden und Christen. Von M. Freimann. I. Es ist, wie sich schon in meinen früheren Artikeln gezeigt, ein tief eingewurzelter Irrtum, zu glauben, daß das pharisäische Judentum zu dem in seiner nächsten Umgebung enstandenen und zu erstaunlich rascher Ausbreitung gelangten Christentum irgend ein inneres Verhältnis gehabt, es sogar von seiner Geburt ab auf Leben und Tod bekämpft habe. Die »Schriftgelehrten und Pharisäer« standen vielmehr von Anbeginn dem Christentum kühl und indifferent gegenüber. Seitdem sie dem korrumpierenden Einflüsse politischer Aspirationen entrückt waren, gaben sie sich ausschließlich dem Studium der Thora hin: dem Ausbau der das Judentum von der großen Welt abschließenden Traditionslehre, so daß die tiefgehenden religiösen Bewegungen, aus denen das Christentum hervorging, nur einen schwachen Widerhall im jüdischen Lehrhaus erweckten. Was das pharisäische Judentum aus dem lange vorhergesehenen Zusammenbruch seiner nationalen Selbstständigkeit flüchtete und in Sicherheit brachte, das war einzig und allein das geschriebene Gesetz, und zwar in der Hülle der »mündlichen Überlieferung«. Darüber hinaus gab es für dasselbe keine religiösen Fragen. Von Rabbi Johanan b. Sakkhai, dem »Vater der Weisheit und der künftigen Geschlechter«, erzählt der Talmud, daß er sich während der Belagerung Jerusalems auf eine