Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ursprung, Begriff und Umfang der allegorischen Schrifterklärung
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 554 (sequence 12)
- Language
- German
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554 Ursprung, Begriff und Umfang etc. spätmittelalterlichen Kabbala kehrt etwas ähnliches wie Philos Allegoristik wieder; Kabbala und alexandrinische Allegorie haben in Methode wie in der damit neugeprägten Lehre viel Verwandtes, worauf bereits Z. Frankel in »Über d. Einfl. usw.« § 9, Anmkg. hinweist. Mit Recht heißt die Kabbala die Geheimlehre; es sind verborgene Lehren, eine theösophisch-mystische Welt, die auch da, wie besonders im Sohar, in das Wort der Schrift hineingedeutet wird. Wohl hat unser Alexandriner fast unmittelbar mit seiner Allegoristik einen gelehrigen Schüler am Apostel Paulus gefunden, dessen antinomistische Exegese, wie er sie dem Gesetzeswort der Bücher Moses gegenüber übt, ganz in der Art phiionischer Allegorie ist, doch gehört die weitere Untersuchung darüber nicht mehr zu meinem Thema, weil es außerhalb des Rahmens alttestämentlicher Exegese liegt. Ein abschließendes Urteil über allegorische Schriftauslegung insonderheit bei Philo zu fällen,״ist nicht leicht. Es geht doch nicht an, sie einfach als eine einzige große Verirrung der Exegese abzutun. Abgesehen davon, daß sich unter diesen Allegorien homiletische Goldkörner finden, und nicht in geringer Zahl, ist die Allegoristik doch auch eine geschichtliche, durch den Geist ihrer Zeit bedingte Erscheinung gewesen, und für die Auffassung und gerechte Beurteilung geschichtlicher Erscheinungen gilt bekanntlich der Grundsatz: sie rechtfertigen sich selbst, wenn sie sich als durch den Geist ihrer Zeit bedingt, nach dem Entwicklungsgesetz, das auch da gilt, erweisen. Die Exegese als Wissenschaft hat darum nicht für immer Schaden genommen, sie ist mit mancherlei Erkenntnis bereichert, darüber hinausgekommen.