Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 530 (sequence 18)
- Language
- German
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530 Die Ethik R. Saadjas. zum Maßstab alles Strebens macht und das Gute nur relativ als ein zweckmäßiges Mittel schätzt, ist den Griechen entlehnt. Der Pflichtbegriff dagegen, den seine religiöse Ethik enthält, ist in der Bibel und auf dem Boden des Judentums zuerst ausgebildet worden1). Das Gute darin wird nicht als ein Mittel betrachtet, sondern es ist etwas Selbständiges, Objektives, das um seiner selbst willen verwirklicht werden soll. Dieses Nebeneinanderbestehen einer relativen und einer absoluten Wertschätzung beweist, wie doppelsinnig und vieldeutig der Begriff »gut« bei Saadja sein muß. Je nach der Bedeutung dieses hauptsächlichsten Grundbegriffs ändert sich aber auch das Prinzip der Ethik, und es fragt sich daher, ob der Begriff »gut« bei Saadja so beschaffen ist oder wenigstens einen solchen Faktor enthält, daß sich daraus ein einheitliches Prinzip für die beiden von Hause aus verschiedenen Begriffe seiner Ethik herleiten läßt. Wir übergehen hier das Verhältnis der Religion zur Ethik, welches Saadja recht ausführlich behandelt, weil wir es später an geeigneter Stelle erörtern, hauptsächlich aber, weil wir erst das Prinzip der saadjanischen Ethik kennen müssen, um das Ethische der Religionsgesetze, das Saadja in ihnen eben nachweisen will, darnach zu beurteilen. ג) Nur die Stoiker unter den griech. Philosophen hatten an־ gefangen, wenn auch im Widerspruch mit ihrer allgemeinen Weltansicht, den Grund zum richtigen Begriff der Pflicht zu legen (Ziller, Allg. phil. Ethik, S. 107). Schopenhauer, welcher das Kant’sche »Sittengesetz«, das wie bei Saadja unmittelbar in sich das unbedingt verpflichtende Soli enthält, als in der Ethik gar nicht berechtigt, verwirft, *erkennt für die Einführung des Begriffes Gesetz, Vorschrift, Soll in die Ethik keinen anderen Ursprung an, als einen der Philosophie fremden, den mosaischen Dekalog«; Preisschrift über die Grundlage der Moral. 2. Aufl. Leipzig 1860, S. 122, vgl. das. S. 125: »Die Fassung der Ethik in einer imperativen Form, als Pflichtenlehre . . . stammt mit samt dem Sollen, unleugbar nur aus der theologischen Moral und demnächst aus dem Dekalog«, vgl. O. Lehmann, Über Kants Prinzipien der Ethik und Schopenhauers Beurteilung derselben. Berlin 1880. S. 91 ff. (Fortsetzung folgt.)