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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1911-01-01 · Heft 2 · p. Seite 159

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
55 (1911)
Issue
Heft 2
Article
Die Ecke mit der letzten Garbe
Date
1911-01-01
Page
Seite 159 (sequence 4)
Language
German
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Die Ecke mit der letzten Garbe. 159 Sollten wir in diesem über große Teile der Erde verbreiteten und zweifellos in graue Vorzeit zurückreichenden ,Brauche, die Ecke mit den letzten Ähren stehen zu lassen, nicht eine Analogie zu dem Gebot Lev. 19, 9 und 28, 22 vor uns haben: »Wenn ihr erntet in eurem Lande, so sollst Du nicht ganz abernten die Ecke Deines Feldes?! Es wäre denkbar, daß Israel den Brauch schon vorfand und zwar in der heidnischen Form, nach der man die Ecke ungemäht den Dämonen stehen ließ. Diesen Brauch hätte dann Israel übernommen, ihm zugleich aber eine Wendung ins Ethische gegeben durch die schöne, menschenfreundliche Bestimmung, die Ecke solle für die Armen und Dürftigen, die nichts zu ernten haben, übrig bleiben. Darin besteht ein Teil der religionsgeschichtlichen Bedeutung des Volkes Israel, daß es manches Vorgefundene, ursprünglich wertlose Gut umprägte und in eine höhere Sphäre hob. Beweisen läßt sich diese Vermutung wohl nicht. Sie bleibt eine Hypothese. Aber selbst wenn sie der Wahrheit nicht entsprechen sollte, bleibt es völkerpsychologisch interessant und charakteristisch, daß sowohl bei den heidnischen Völkern als bei Israel die Ecke des Feldes nicht abgeerntet wurde und stehen blieb, bei den Heiden für die Dämonen, in Israel — für die Armen. und Feldkulte S. 237. Über ähnliche Bräuche auf Formosa, siehe Mannh. Roggenwolf, S. 22. Nachbemerkung. Der vorstehende Aufsatz lag mir längst vor, als v. Galls Abhandlung 1910 in den ZATW erschien. Da der Herr Verfasser etwas reichhaltigeres Material beibringt und durchaus selbständig zu seinem Ergebnis gelangt ist, lasse ich seine Darlegungen auch heute noch unverändert in die Öffentlichkeit gehen. M. Br.

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