Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 756 (sequence 2)
- Language
- German
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756 Besprechungen. Mit 19 Jahren verheiraret, verließ er bald seine Heimat und seine Frau und begab sich nach Rumänien, »dem damaligen Eldorado der osi״ europäischen Juden«. Dort war er zuerst Geschäftsmann, dann Lehrer und wurde schließlich Volksdichter. Die Art und Weise, wie Wolf Ehrenkranz als Volkssänger auf trat, wird am besten durch folgende Sätze gekennzeichnet: »Wölwel Zbarazer trat in den Weinstuben und Gastwirtschaften, wo sich seine Gönner und Anhänger um ihn zu scharen pflegten, nie mit einem bestimmten Programm auf. Seine Muse war ein Kind des Augenblickes, der Begeisterung. Da saß er oft im Freundeskreise bei einer Flasche edlen Weiaes, stundenlang vor sich hinstarrend, um dann einer Aufforderung, ein gegebenes Thema zu behandeln, Folge zu leisten und ein formvollendetes Lied samt hebräischer Übersetzung in einer intuitiv gefundenen Melodie vorzutragen«. (S. 7). Durch die Hinzufügung der hebr. Übersetzung wollte E. sich dagegen schützen, zu der Kategorie der damals zahlreichen jüdischen Bänkelsänger, die der Hefe des Volkes angehörten, gezählt zu werden. Solche waren es auch, die seine Lieder nachahmten, korrumpierten oder einfach sich aneigneten, wodurch er sich veranlaßt sah, letztere zu veröffentlichen. Er tat dies in seinem מקל נלעם (Stab der Milde), Volkslieder in jüdisch-deutscher Mundart mit hebräischer Übersetzung. Lemberg 1869—78. Vorher war bereits sein חזון למועד — eine hebr. Satire gegen die Cbassidim — erschienen (Jassy 1856). E. reiste lange in Rumänien und Rußland herum, weilte 1874 eine kurze Zeit in Lemberg und starb 1884 in Konstantinopeh Im 2. Kapitel (S. 8—17) schildert der Verfasser den Dichter als Lyriker. Ehrenkranz ging von der galizischen Haskalaliteratur aus, indem er die hebr. Sprache fördern und Unwissenheit und geistige Knechtung bekämpfen wollte. Sein erstes Gedicht im Makkal-Noam gilt der hebr. Sprache, die ihm die schönste aller Sprachen ist, eine »heilige, ewig junge Blume«, die »nur dumme Menschen nicht verstehen wollen«. E. besingt alle möglichen Situationen, fordert öfters auf, das Leben zu genießen und den Wert des Augenblickes zu schätzen. Häufig klagt er, daß der Dichter bei der Gesellschaft nur insofern gelte, als er ihr Lust bereite. Er tut dies vornehmlich in den Liedern »Die goldene Uhr«, »Die Nachtigall« und »Der Volksdichter«. Ein anderesmal hebt er auch die Lichtseiten des Dichterberufes hervor, so in »Dem Dichters Trost« (= Trost). Seine ganze Größe als Lyriker aber zeigt E. als Dichter des Weltschmerzes. »Nicht jenes schwächlichen, süßlichen, sich selbst bespiegelnden Literatur- Weltschmerzes, sondern jenes auf dem Bewußtsein der Unzulängiichkeit und Vergänglichkeit alles Menschlichen beruhenden, wie ihn die erlesensten Geister, etwa ein König Salomo und Sophokles in