Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 688 (sequence 48)
- Language
- German
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688 Die Juden bei Wilhelm Raafee. strenge Kinderzucht, Dankbarkeit für die geringste Freundlichkeit. Mitleid nicht nur für die Volksgenossen, sondern auch für alle Mitmenschen, klarer und scharfer Blick für alle Verhältnisse, stete Hilfsbereitschaft, Tatkraft und frisches Eingreifen, endlich Tapferkeit, Ausdauer und Unermüdlichkeit im Kampfe gegen die feindliche Welt, gegen Widrig- Seiten und Schicksalsschläge jeder Art. Getadelt wird religiöse Engherzigkeit (Gedelöcke), Un- Sauberkeit und Unordnung (im Laden Freudensteins und in der Prager Judenstadt), denen allerdings Reinlickeit und Ordnungssinn (Frühling, Höxter und Corvey) gegenübergestellt werden, so daß erstere nicht als allgemein jüdische;Eigenart gelten dürfen und so nebenbei der eingewurzelte Schachergeist (an den Trödlern Freudensfein, Rosenstein Baruch Löw, dem Vater Jemimas) doch wieder derart, daß der sonstige Karakter der genannten Personen davon unberührt bleibt. Einen schlechten jüdischen Menschen mit Ausnahme des allerdings vollendeten, aber psychologisch gerechtfertigten Schurken Moses Freudenstein hat Raabe nicht dargestellt, wobei freilich zu bemerken ist, daß er auch sonst nur wenige, durchaus schlechte Menschen geschildert hat?Und unter die überaus zahlreichen wackeren, tapferen, lieblichen Frauengestalten, mit denen uns der Dichter beschenkt hat, gehören auch die Jüdinnen Ruth und Rachel Rosenstein, Jemima, Mahalath, Salome, die Kröppel-Leah und Simeath. Die Rechnung steht für die Juden wahrlich nicht ungünstig. Raabe ist eben, wie auch unsere Untersuchung ergeben hat, in der Tat ein Mensch, der nicht nur über jeden Parteiunterschied erhaben ist, sondern »e l n :Lehrer, ein Prediger, ein Prophet der Hu- ־manität in schönstem Wort verstände.«