Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 685 (sequence 45)
- Language
- German
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Die Juden bei Wilnelm Raabe. 685 Handschuh dem Just reichte, vermeinte freilich noch nie-־ tnand, daß mehr denn ein Menschenalter durch das deutsche Volk durch einen See von Blut waten werde unter einem Himmel qualmig von brennenden Städten. Wir beide denken noch zurück an die Zeiten des Friedens«, da schrie die :Kröppel-Leah scharf und schrill aus ihrem Traum heraus: »Was kümmerts mich? Meine Väter haben nie Frieden gehabt seit dem Kaiser Titus. Was kümmerts uns« was Ihr gemacht habt aus Eurem Lande? Ich ängstige mich um Luft; der Schubjak hat mir die Brust zerschlagen; doch ich wollte singen in dieser Nacht, wenn die Simeath nicht wäre«. Und auf den Trost; den ihr Tewes auf seine Art geben will, man habe Jerusalem mehr als einmal aufgebaut, entgegnet sie: »Die Fremden hausen auf der Wohnstätte des Samens Abrahams, junger Herr, die Kinder von Juda und Israel irren als ein Spott und Spuck zerstreut; sie haben keinen Ort mehr, da sie Herren ihres Hauses und Leibes sind«. Mittlerweile naht eine neue Gefahr. »Die Jüden aus der Stadt! Fort mit den Jüden aus Höxter!« heißt es unter den Lutheranern nach dem Abzug der Corveyer Schutzmannschaft Und wieder schließen sich auch die Katholiken an. Zum zweiten Male in dieser Nacht stürzte sich ganz Höxter auf seine Juden. Den Meister Samuel samt seine Familie nehmen sie von der Gasse vor seinem brennenden Hause, holen die zwei oder drei anderen Familien zusammen und kommen nun im gräulichen Gedränge, das elende, jammernde Häuflein halbnackter Menschen in ihrer Mitte und halten, den Pastor an der Spitze, mit ohrzerreißendem Lärmen vor dem Hause der Kröppel-Leah, auch die mit ihrem Enkelkinde abzurufen und mit den Übrigen, Corvey zum Trutz, vor das Tor zu führen. Vergebens treten ihnen der Mönch und der Student entgegen, der fanatische, finstere Pastor, so recht ein Seitenstück des Patriarchen Leasings im Nathan, läßt sich nicht abiialten. Er tritt in das Gemach