Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 759 (sequence 3)
- Language
- German
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759 Besprechungen. und wir erfahren, daß auch diese für uns erstorbene Welt ihr Sonnenlicht und ihre mannichfachen Reize gehabt hat. Wir sehen sie mit den Augen der Verfasserin, die friedlich und glücklich in dieser Umgebung gelebt hat, und die uns an ihrer eigenen Persönlichkeit beweist, welche. Fülle von hoher Begabung und sittlicher Kraft in dieser von uns oft als minderwertig abgeschatzten und jetzt so tief bemitleideten Volksmasse wohnt. Aber die freundlichen Bilder weichen; denn schon im Jahre 1836 bricht über das schöne Elternhaus Pauline Wengeroffs eine Katastrophe herein. Das ganze Terrain der Stadt Brest wurde vom Kaiser Nikolaus für eine Festung erster Klasse bestimmt. Die Hauseigentümer wurden benachrichtigt, daß ihre Häuser von einer kaiserlichen Kommission abgeschätzt werden sollten. Die Regierung, hieß es, werde ihnen eine Abstandssumme zahlen und neue Bauplätze, zwei Meilen von der Altstadt entfernt, anweisen. Wie dieser Ukas ausgeführt wurde, wie zerrüttend er in das Leben der ganzen Gemeinde eingriff, schildert uns die Greisin zunächst an dem Ruin ihres Vaterhauses. Viel schwerer traf es natürlich die Armen, welchen ihre geringe Habe unter der Hand zerbröckelte und zerfiel, ehe sie ein neues Heim damit errichten konnten. Tief ergriffen lesen wir von den traurigen Szenen, die sich damals in der Brester Gemeinde abspielten, von all dem Elend und der Not, die über sie hereinbrachen, und schließlich von dem Schrecken und Entsetzen, als selbst die Gebeine der Toten vom jüdischen Friedhöfe in Brest nach der Neustadt überführt wurden. Eine wilde Erbitterung aber ergriff die russischen Juden, als im Jahre 1845 ein neuer Ukas erlassen wurde, der sie zwang, ihre eigenartige Volkstracht abzolegen. Sie war ihnen keine Modelaune, sondern eine heilige Tradition und von den Strahlen der Ehrwürdigkeit umwoben. Wären die Juden damals organisiert gewesen, sie hätten sich in ihrem Zorn zur Empörung und Revolution hinreißen lassen. Doch im Gefühl völliger Ohnmacht mußten sie sich fügen oder sich, wenn sie es nicht übers Herz brachten, die liebgewordehe Tracht abzulegen, von roher Gewalt dazu zwingen lassen. Wir stehen am Ende des Buches und fühlen uns von der geist- und gemütvollen Erzählerin so innig gefesselt, daß wir wie Kinder bittend die Hände erheben und rufen: weiter, Großmütterchen, weiter! E. Brann. Herr Dr. Coblenz hat als Entgegnung auf die Kritik des Herrn Dr. Jakob (S. 497 fs.) eine Broschüre unter dem Titel: »Dr. Jakob als Kritiker« erscheinen lassen und mit Rücksicht hierauf von einer Erwiderung in dieser Zeitschrift Abstand genommen. Red.